Dürfen Stress, Erschöpfung und Gewalt zum Alltag werden?
Aktuelle Erhebungen liefern besorgniserregende Ergebnisse. Stress, Erschöpfung und Zukunftssorgen nehmen zu. Besonders belastet sind Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich. Diese leiden häufig unter hohen Arbeitsdruck und sind immer öfter mit Gewalt am Arbeitsplatz konfrontiert. Das darf nicht sein: Es bracht mehr Prävention, mehr Personal und mehr Kontrolle. Arbeitnehmer:innenschutz muss dort greifen, wo die Belastung entsteht – und nicht erst wenn es zu spät ist!
Trend geht in die falsche Richtung: Beschäftigte sind immer öfter gestresst, erschöpft, verunsichert
Die Stimmung unter Salzburgs Beschäftigten hat sich 2025 deutlich verschlechtert. 53 Prozent blicken pessimistisch auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Das sind 12 Prozentpunkte mehr als noch ein Jahr zuvor. Der höchste Wert seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2016.
Auch der persönliche Arbeitsalltag wird für viele zunehmend belastend. 40 Prozent der Beschäftigten leiden häufig oder sehr häufig unter Alltagsstress. Mehr als die Hälfte fühlt sich regelmäßig erschöpft, 27 Prozent sogar häufig oder sehr häufig. Besonders stark betroffen sind junge Beschäftigte: 68 Prozent der bis 25-Jährigen fühlen sich regelmäßig erschöpft. Auf den Punkt gebracht zeigt sich eine zunehmende Verdichtung von Belastungen. Gesellschaftliche Unsicherheit, Zeitdruck und hohe Anforderungen im Berufsleben wirken zusammen und hinterlassen Spuren.
Burnout ist im Gesundheitsbereich längst kein Einzelfall mehr
Von hoher Arbeitsbelastung sind die Beschäftigten in Gesundheits- und Sozialberufen besonders betroffen. 63 Prozent der Befragten kennen Kolleg:innen, die von Burnout betroffen sind oder waren. 2014 waren es erst 33 Prozent. Damit die Trendumkehr gelingt, müssen strukturelle Arbeitsbedingungen, Personalbesetzung, Dienstpläne, Arbeitsorganisation, Führung und ausreichende Erholungszeiten künftig so gestaltet werden, dass Beschäftigte ihre Arbeit langfristig gesund ausüben können.
So kann Mobbing gestoppt werden
Klar ist jedenfalls: Mobbing ist kein persönliches Problem der Betroffenen. Es braucht vielmehr Strukturen im Betrieb, die solche Situationen erkennen, ernst nehmen und verhindern. Im Fall eines langjährigen Sachbearbeiters im Versicherungswesen hatte ein Kollege Gerüchte über angebliche Leistungsdefizite verbreitet, sich über „langsames Arbeiten“ und „antiquiertes Denken“ lustig gemacht und versucht einen herabwürdigenden Spitznamen zu etablieren. Das führt dazu, dass der Mann Schlafstörungen, Magen- und Kopfschmerzen sowie Angstzustände entwickelte. Es wurde so schlimm, dass er nicht mehr arbeiten gehen konnte. Erst als er mit Unterstützung durch Betriebsrat, Präventivkraft und uns eine Arbeitspsychologin beizog, verbesserte sich die Situation. Eine Abmahnung und ein Coaching für den Kollegen erfolgten. Außerdem kam es zu Veränderungen in der Arbeitsorganisation. Zusätzlich wurde ein Präventionskonzept gegen Mobbing am Arbeitsplatz erarbeitet.
Gewalt gehört für viele zum Berufsalltag
Neben Stress und Arbeitsverdichtung wird für Beschäftigte im Gesundheitsbereich eine weitere Belastung immer drängender: Gewalt am Arbeitsplatz. Die Zahlen des Gesundheitsmonitors sind alarmierend: 39 Prozent erleben regelmäßig Beschimpfungen und Beleidigungen. 16 Prozent berichten von Tätlichkeiten oder Handgreiflichkeiten. 13 Prozent sind mit sexueller Belästigung konfrontiert.
Die Gewalt geht dabei überwiegend von Patient:innen und deren Angehörigen aus: In 54 Prozent der Fälle werden Patient:innen als Verursacher genannt, in weiteren 27 Prozent Angehörige.
Für uns ist klar: Gewalt darf niemals als normaler Bestandteil eines Berufs akzeptiert werden.
Das wirkt gegen Gewalt am Arbeitsplatz
In einer Unternehmenskantine herrschte viel Stress. Verschärft wurde die angespannte Situation durch ungünstige Arbeitsteilung. Die Folge: Eine Köchin wurde während eines Streits von einem Kollegen fest an der Schulter gepackt und gestoßen. Die Arbeitgeberin spielte den Vorfall zunächst als „normalen Streit“ herunter.
Erst als wir gemeinsam mit der Sicherheitsvertrauensperson genau hinsahen, sah der Betrieb die strukturellen Fehler ein. Neben einem klärenden Gespräch mit dem Kollegen wurden deshalb auch die Arbeitsabläufe verändert. Hier muss Prävention ansetzen: Nicht erst beim Übergriff, sondern bei den Bedingungen, die Konflikte, Überlastung und Gewalt begünstigen.
Auf Grenzüberschreitungen müssen Konsequenzen folgen
Besonders schlimme Grenzüberschreitungen musste eine junge Arbeitnehmerin eines Finanzunternehmens erleben. Nach ihrem Wechsel in die neue Firma sprach sie der Abteilungsleiter immer wieder auf ihre Kleidung und ihren Körper an. Er fragte sie nach ihrem Intim- und Sexleben und bestellte sie ohne erkennbaren beruflichen Grund allein zu sich ins Büro. Aus Angst vor dem Jobverlust schwieg die Frau. Erst als ihr der Vorgesetzte nach einer Besprechung ans Gesäß fasste, beschloss sie, sich Hilfe zu holen.
Wir haben sie daraufhin bei ihren rechtlichen Schritten und bei der Einbindung der Gleichbehandlungsanwaltschaft und des Betriebsrats unterstützt. Der Vorgesetzte verlor schließlich seinen Arbeitsplatz, die Beschäftigte erhielt eine Schadenersatzzahlung. Zusätzlich wurden die Beschäftigten des Unternehmens zum Thema sexuelle Belästigung sensibilisiert und die Evaluierung der psychischen Belastungen entsprechend angepasst.
Dieser Fall zeigt: Es gibt Handlungsmöglichkeiten – aber Betroffene müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen zugehört wird und dass Arbeitgeber ihrer Verantwortung nachkommen.
Wir treten für konsequenten Arbeitnehmer:innenschutz ein
Gute Arbeit für alle Salzburgerinnen und Salzburger ist möglich: Dazu brauchen Beschäftigte klare Schutzkonzepte, ausreichend Personal und Schulungen in Deeskalation und Gefahrenabwehr. Gleichzeitig müssen psychische Belastungen am Arbeitsplatz ernst genommen und systematisch reduziert werden.
Konkrete Maßnahmen für gute Arbeit:
- Stärkung des Arbeitnehmer:innenschutzes durch höhere Strafmaße und verbindliche Sanktionen bei Verstößen, etwa bei der Nicht-Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Evaluierungen
- Mehr Betriebskontrollen durch die Arbeitsinspektion, insbesondere bei Gewalt, Zeit- und Arbeitsdruck, sowie konsequente Nachkontrollen
- Mehr finanzielle und personelle Ressourcen für die Arbeitsinspektion
- Eine höhere jährliche Einsatzzeit von Präventivfachkräften sowie die gesetzliche Gleichstellung von Arbeits- und Organisationspsycholog:innen mit anderen Präventivfachkräften
- Verpflichtende Ausbildung und Schulung von Pflege- und Betreuungskräften in Deeskalation und Gefahrenabwehr
- Transparente Personalberechnungsmodelle, damit objektiv festgestellt werden kann, wieviel zusätzliches Personal tatsächlich benötigt wird
- Die flächendeckende Identifikation von Risikobereichen und Umsetzung entsprechender Gewaltschutzkonzepte