Nachhilfe-Monitor: Jede:r Zweite braucht Unterstützung
43 Prozent der Salzburger Schüler:innen haben Nachhilfe bekommen oder würden sie benötigen – Familien geben dafür rund 11 Millionen Euro jährlich aus: Deshalb fordert AK-Präsident und ÖGB-Landesvorsitzender Peter Eder mehr Ressourcen für individuelle Förderung und flächendeckende, kostenlose Ganztagsschulen in verschränkter Form: „Was Kinder nicht verstehen, sollte in der Schule aufgefangen werden – und nicht erst gegen Bezahlung am Nachmittag.“
Der Nachhilfebedarf unter Salzburgs Schüler:innen bleibt hoch. Das zeigt der aktuelle Nachhilfemonitor der Salzburger Arbeiterkammer: 43 Prozent der Schüler:innen haben Nachhilfe in Anspruch genommen oder hätten Bedarf an bezahlter Nachhilfe gehabt. Damit ist Nachhilfe längst keine Ausnahme mehr, sondern für viele Familien Teil des Schulalltags.
In Salzburg wurden insgesamt 594 Schulkinder aus 403 Haushalten befragt. Rund 29.000 der insgesamt etwa 69.000 Schüler:innen haben Nachhilfe bekommen oder sich eine solche gewünscht. 17.000 junge Menschen (25 Prozent) haben bezahlte Nachhilfe in Anspruch genommen. Dafür geben die Salzburger Familien insgesamt rund 11 Millionen Euro pro Jahr aus.
„Wenn fast jedes zweite Kind Nachhilfe bekommt oder sie braucht, dann müssen wir uns fragen, ob unser Schulsystem den Kindern noch jene individuelle Unterstützung gibt, die sie brauchen. Nachhilfe darf nicht zum Reparaturbetrieb der Schule werden“, sagt AK-Präsident Peter Eder. „Es kann nicht davon abhängen, wie viel Geld, Zeit und Unterstützung die Eltern aufbringen können, ob ein Kind den Lernstoff versteht und seine Chancen nutzen kann.“
Nachhilfe mittlerweile Normalität
Vier von zehn Salzburger Schüler:innen hatten im vergangenen Jahr irgendeine Form von Nachhilfe – derselbe Wert wie 2025. Österreichweit liegt dieser Anteil 2026 bei 32 Prozent. Bezahlte Nachhilfe nahmen in Salzburg 25 Prozent der Schüler:innen in Anspruch, gegenüber 19 Prozent österreichweit.
Besonders häufig wird in Mathematik nachgeholfen: Unter jenen, die Nachhilfe in Anspruch nehmen, ist Mathematik mit einem Anteil von 67 Prozent das mit Abstand „beliebteste“ Fach. Es folgen Deutsch (30 Prozent) und Fremdsprachen (19 Prozent)“, weiß Corrina Zafaurek von der Abteilung für Bildung, Jugend und Kultur.
Die Gründe für bezahlte Nachhilfe sind vielfältig. Bei 52 Prozent geht es darum, die Note zu verbessern, bei 29 Prozent darum, eine negative Note zu verhindern. 25 Prozent nehmen Nachhilfe im Zusammenhang mit der Aufnahme in eine AHS, BMS oder BHS in Anspruch.
Jede:r Zweite nimmt psychischen Druck wahr
Auch der psychische Druck ist beträchtlich. 56 Prozent der Salzburger Eltern stimmen der Aussage sehr oder eher zu, dass ihr Kind beim Lernen häufig gestresst ist.
„Wenn mehr als die Hälfte der Eltern sagt, dass ihr Kind beim Lernen häufig gestresst ist, müssen wir das ernst nehmen. Schule darf nicht zu einer dauerhaften Belastungsprobe für Kinder und Familien werden“, betont AK-Bildungsexpertin Zafaurek.
Nachhilfe immer öfter anlassbezogen
Nachhilfe wird in Salzburg nicht nur kurzfristig vor Prüfungen genutzt. 37 Prozent der Schüler:innen nehmen regelmäßig während des Schuljahres Nachhilfe in Anspruch. 35 Prozent tun dies vor Schularbeiten oder Tests. Besonders deutlich gestiegen ist der Anteil jener, die vor Entscheidungsprüfungen Nachhilfe erhalten: von 17 Prozent im Vorjahr auf 26 Prozent.
„Die Entwicklung bei den Entscheidungsprüfungen zeigt, wie stark Nachhilfe auch mit wichtigen Übergängen im Bildungssystem verbunden ist. Gerade dort darf die finanzielle Situation der Eltern nicht darüber entscheiden, welche Unterstützung ein Kind bekommt“, erklärt Zafaurek.
Bildung darf nicht vom Geldbörsel abhängen
„Ein Kind darf nicht schlechtere Chancen haben, nur weil seine Eltern kein Geld für Nachhilfe ausgeben können. Bildung ist ein Recht und keine Frage der Brieftasche“, sagt AK-Präsident Peter Eder. „Wir brauchen eine Schule, die Unterschiede ausgleicht, statt sie zu verstärken. Wer Bildungsgerechtigkeit ernst meint, muss dort investieren, wo Kinder Unterstützung brauchen – im Klassenzimmer und nicht erst am privaten Nachhilfemarkt.“
Die Arbeiterkammer begrüßt jene bildungspolitischen Schritte, die in den vergangenen Jahren gesetzt wurden – etwa den Ausbau der Ganztagsschulen, die Aufstockung und Flexibilisierung der Deutschförderung sowie den Start des Chancenbonus für besonders herausgeforderte Schulstandorte. Diese Maßnahmen müssten nun konsequent weiterentwickelt werden.
AK fordert mehr Ressourcen für Schulen
Die Arbeiterkammer fordert daher u.a.:
- Treffsichere Schulfinanzierung rasch und ausreichend ausbauen: Der Chancenbonus muss österreichweit rasch umgesetzt und eine treffsichere Schulfinanzierung ausgerollt werden. Mittelfristig braucht es dafür rund 400 Millionen Euro statt der bisher geplanten 65 Millionen Euro, um Schulen mit besonderen Herausforderungen ausreichend Ressourcen für individuelle Förderung zur Verfügung zu stellen.
- Mehr Personal und Zeit für individuelle Förderung: Kinder müssen die Möglichkeit haben, Lernstoff in der Schule zu verstehen, zu üben und zu festigen – unabhängig davon, ob ihre Eltern private Nachhilfe finanzieren können.
- Hochwertige, beitragsfreie Ganztagsschulen in verschränkter Form flächendeckend ausbauen: Ganztägige Schulformen müssen allen Kindern offenstehen und hochwertige Lern- und Förderangebote bieten.
Kurzfristig braucht es darüber hinaus kostenlose und niederschwellige Nachhilfeangebote, damit kein Kind aufgrund fehlender finanzieller Möglichkeiten zurückbleibt. „Wir können uns nicht damit abfinden, dass Familien jedes Jahr Millionen Euro dafür ausgeben müssen, damit ihre Kinder jene Unterstützung bekommen, die eigentlich Teil eines guten öffentlichen Bildungssystems sein sollte“, so Eder abschließend. „Unser Ziel muss sein: Nicht das Einkommen der Eltern entscheidet über Bildungschancen, sondern die Stärken, Interessen und Talente des Kindes.“