17.3.2017
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Die Beschäftigten wollen bei ihren Arbeitszeiten mitbestimmen

Die AK befragte gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Ifes Salzburgs Arbeitnehmer zu Teilzeit- und Vollzeitarbeit. Die Ergebnisse bestätigen: Teilzeit ist weiblich. Mehr als die Hälfte der Frauen, aber nur jeder zehnte Mann arbeitet mit einer reduzierten Stundenzahl. Und: Je älter die Arbeitnehmer sind, desto geringer die Vollerwerbs-Quote. 80 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter 30 Jahren arbeiten Vollzeit. Ab 50 Jahren nur mehr knapp über die Hälfte (54 Prozent).

Teilzeitarbeit ist eine Frauendomäne

Ein höheres Alter ist also ein Hauptgrund für Teilzeit. Ebenso ist es bei Kinderbetreuungspflichten: In einem durchschnittlichen Haushalt mit Kindern arbeitet im Mittel nur ein Elternteil Vollzeit – die Mutter meistens, wenn überhaupt, Teilzeit. Die Vollzeitquote liegt in diesen Haushalten bei 55 Prozent.

Kein Wunder, dass in „typischen“ Frauenbranchen Teilzeitarbeit besonders oft vorkommt – etwa im Gesundheits- und Sozialwesen und im Handel, aber auch in kleineren Betrieben. „Teilzeit-Arbeit ist weiblich – und zwar oft, weil das mit den Lebensumständen der Mütter am besten zusammenpasst“, sagt Tobias Hinterseer aus der Wirtschaftspolitischen Abteilung der AK Salzburg.

Und: Die Teilzeitbeschäftigten leisten im Verhältnis zu ihrer Arbeitszeit mehr Überstunden.  Eine durchschnittliche Teilzeit-Kraft arbeitet vereinbarte 23 Stunden pro Woche – und legt noch 2,2 Überstunden drauf. Vollzeitbeschäftigte im Mittel 39,5 Wochenstunden – und 3,1 zusätzliche Stunden. „Das ist ein Indiz, dass von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit weniger Arbeitszeit sogar mehr Flexibilität gefordert wird“, so Tobias Hinterseer. 

warum teilzeit gearbeitet wird
  • 35 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fahren ihre Arbeitszeit wegen der Kinderbetreuung zurück.
  • 29 Prozent wegen Hobbies und anderen Interessen.
  • Die Gruppe der Kinder Betreuenden ist deutlich stärker von Frauen geprägt. Unter jenen, die wegen Freizeitinteressen Teilzeit arbeiten finden sich mehr Männer.
  • Etwa zwei von zehn Männern und drei von zehn Frauen in Teilzeit gaben an, keine Vollzeit-Stelle gefunden zu haben. Darunter wiederum vor allem ältere Beschäftigte und gering qualifizierte Frauen.
  • Nur 21 Prozent gaben an, dass Ihnen das Einkommen in Teilzeit ausreicht.
  • Je 19 Prozent arbeiten wegen einer parallelen Ausbildung, freiberuflicher Tätigkeit oder aus gesundheitlichen Gründen in Teilzeit.

So sehen die Beschäftigten Teilzeit-Arbeit

Eindeutige Vorteile von Teilzeit-Arbeit sahen die befragten Beschäftigten nur mit Blick auf den Arbeits- und Zeitdruck. 31 Prozent gaben das an.

In den meisten anderen Bereichen wird kein Unterschied zwischen beiden Arbeitsformen angenommen – oder die Teilzeit als nachteilig gesehen. Insbesondere Aufstiegsmöglichkeiten (zwei Drittel sehen einen Nachteil), Prämien und Zulagen (knapp 50 Prozent sehen einen Nachteil) und die Weitergabe von wichtigen Informationen (45 Prozent sehen Probleme darin) werden bei Teilzeit kritisch bewertet.

Über ein Drittel der Befragten bewerten außerdem soziale Einbindung sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten nachteilig. Tobias Hinterseer: "In der Auswertung zeigt sich aber auch, dass Teilzeit-Beschäftigte in deutlich größerer Zahl keinen Unterschied zwischen Teilzeit- und Vollzeit-Arbeit wahrnehmen (wollen)."

Fest steht, dass Teilzeit-Arbeit in jedem Fall das Lebenseinkommen reduziert und somit eine Art „Prekariat auf Aufschub“ schafft. Kein Wunder also, dass die Befragten bei dieser Arbeitsform die größten Risiken in drohender Altersarmut und finanzieller Abhängigkeit vom Lebenspartner oder der öffentlichen Hand sehen. Sorge vor sozialer Ausgrenzung ist dagegen weniger ein Thema. Vollzeit-Beschäftigte sehen Teilzeit-Arbeit kritischer als jene, die bereits reduziert arbeiten.

Wie wollen die Menschen wirklich arbeiten?

Die wohl spannendste Frage im Rahmen der Erhebung von Ifes und der AK ist die nach der Wunscharbeitsform: 47 Prozent der Befragten in Teilzeit, also knapp die Hälfte,  können sich in jedem Fall oder eher vorstellen, wieder Vollzeit zu arbeiten. 51 Prozent nehmen Abstand davon, können es sich also nicht oder sicher nicht vorstellen.

Und: Je älter die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind, desto eindeutiger wird die Ablehnung höherer Arbeitszeiten. Unter 30-jährige wollen fast durch die Bank wieder Vollzeit arbeiten. Bei den über 50-jährigen liegt der Anteil bei nur mehr 16 Prozent. Immerhin: 56 Prozent gaben an, dass ein Aufstocken auf Vollzeit in ihrem Betrieb leicht möglich wäre. 80 Prozent der Männer sehen das so. Aber nur jede zweite Frau.

Beschäftigte im Handel wollen am deutlichsten auf Vollzeit umsteigen. Gerade hier und im Gesundheits- und Sozialwesen sehen die Beschäftigten das Aufstocken der Arbeitszeit als viel schwieriger an, wie zum Beispiel in der Industrie. Auch der Bildungsgrad bestimmt den Wunsch nach den Arbeitszeiten. Je besser ausgebildet die Menschen sind, desto eher wollen sie Vollzeit arbeiten. Mehr als jeder zehnte Studierende geht zum Beispiel bereits einer Vollzeit-Beschäftigung nach.

Teilzeit ist von Frauen oft wegen Verpflichtungen gewollt

"Laut unserer Befragung ist in den mit Abstand meisten Fällen die Kinderbetreuung der Hauptgrund für Teilzeit-Arbeit. Mit den anderen familiären und privaten Verpflichtungen kommt man auf fast 50 Prozent. Männer gehen dabei überwiegend wegen Ausbildung oder freiberuflicher Tätigkeit und ihrer privaten Interessen und Hobbies in Teilzeit. Bei Frauen sind die Top-Gründe Kinderbetreuung (38 Prozent) und, dass keine passende Vollzeit-Stelle gefunden wurde (29 Prozent). Bei 76 Prozent ist das Einkommen des Mannes Haupteinkommen der Familie, nur in 12 Prozent der Fälle verdient die Frau mehr", so Tobias Hinterseer: "Die aktuellen gesellschaftlichen Umstände fördern das Modell eines weiblichen, teilzeitbeschäftigten Zuverdienstes, womit sich offenbar die meisten (Frauen) auch arrangiert haben."

Die Beschäftigten wissen was sie tun, kennen die Folgen

AK-Präsident Siegfried Pichler: "Die Beschäftigten wissen bei Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung, was sie tun. Sie kommen im Großen und Ganzen gut damit zurecht. Probleme bleiben aber die nachteiligen Auswirkungen von Teilzeit-Beschäftigung auf Pension und Einkommen. Und: Teilzeit ist und bleibt weiblich, auch wenn neben den überwiegend von Frauen wahrgenommenen Betreuungspflichten auch private Gründe zu dieser Beschäftigungsform führen."

Für die AK ist klar: Es braucht einen differenzierten Blick. Teilzeit-Arbeit hat Vor- und Nachteile. "Es geht darum, was Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer brauchen, um ihre Arbeitszeitwünsche auch tatsächlich umsetzen zu können und wie zukünftige finanzielle Risiken vermindert werden können", sagt Siegfried Pichler.

Chancen und Probleme von Teilzeit-Arbeit aus Sicht der AK

  • Teilzeit-Arbeit kann einen Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie leisten.
  • Dazu kommen mehr Freizeit und Zeit für Bildung oder Ehrenämter.
  •  Arbeitsmarktferne Personen können Arbeitsmarkt-Luft "schnuppern".
  • Für ältere oder gesundheitlich angeschlagene Arbeitnehmer bleibt Arbeit möglich.
  • Nachteile liegen in der niedrigeren Bezahlung,
  • der Arbeitsplatzsicherheit
  • und bei den beruflichen Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten.
  • Die sozialen Risiken bei Arbeitslosigkeit, Krankheit und hohem Alter sowie durch festgeschriebene Geschlechterrollen steigen durch die meistens geringeren Leistungsansprüche, die sich im Wesentlichen analog zum Gehalt verhalten.
  • Davon sind insbesondere Frauen betroffen.

    „Die größte Herausforderung bleibt, dass die Beschäftigten ihre Arbeitszeiten entsprechend ihrer aktuellen Lebenssituation auch wieder ändern können. Das verstehen wir als Flexibilität! Eine solche Wahlmöglichkeit würde viele der Risiken von Teilzeit entschärfen", so Siegfried Pichler.

Forderung: Wirklich flexibles Arbeiten ermöglichen
Für die Arbeiterkammer steht daher fest: Es braucht einen Rechtsanspruch auf die Mitgestaltung des Arbeitszeitausmaßes. Wenn das Arbeitsvolumen im Betrieb ausgedehnt werden soll, müssen dessen Teilzeit-Beschäftigte zuerst die rechtlich garantierte (Informationspflicht besteht bereits) Gelegenheit bekommen, ihre Arbeitszeit gegebenenfalls aufzustocken. Ebenso, wenn sowieso regelmäßig Mehrstunden geleistet werden (müssen). Denn eine aktuelle WIFO-Umfrage ergab, dass die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Teilzeit zwar nicht Vollzeit, wohl aber einige Stunden mehr arbeiten wollen. Auch umgekehrt sollte mit einer mehrmonatigen Ankündigungsfrist ein Rechtsanspruch auf Reduktion der Vollzeit-Arbeit auf etwa 30 Stunden pro Woche bestehen. Auf Pflege- und Altersteilzeit sollte es ebenfalls einen Rechtsanspruch geben.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie und "Zeitwohlstand" für alle
Siegfried Pichler: "Und natürlich braucht es eine bessere Kinderbetreuungs- und Pflegeinfrastruktur, nicht nur für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es geht vor allem um echte Wahlfreiheit der Beschäftigungsform für Frauen! Denn wenn zu wenige Betreuungsangebote da sind, dann wird auch seltener der Wunsch geäußert, mehr arbeiten zu wollen. Letztendlich richten sich die Arbeitsformen nach den Lebensgegebenheiten der Menschen. Für viele ist Teilzeit-Arbeit die logische Wahl – aber vielleicht nicht die beste! Immerhin wählen zum Beispiel 50 Prozent der weiblichen Beschäftigten sie nur, weil sich das gut mit Betreuungs- und familiären Pflichten vereinbaren lässt. Das bestätigt unsere Befragung. Und sie zeigt, dass ein genereller 12-Stunden-Tag gerade mit Blick auf Familie und Beruf Wahnsinn ist. Viele wollen schon jetzt nur Teilzeit arbeiten! Es geht um eine möglichst flexible Gestaltung des eigenen Arbeitszeitvolumens, um Selbstbestimmung und Mittbestimmung, letztlich um „Zeitwohlstand“ für alle. Das kann und sollte auch eine generelle Arbeitszeitverkürzung beinhalten", sagt Pichler.

"Teilzeit-Arbeit ist weit verbreitet und wird von vielen Menschen auch gewünscht. Wir fordern die Bedingungen ein, damit soziale Sicherheit und eine möglichst günstige Gestaltung der eigenen Zeit zu einem allgemeingültigen Recht werden – und das ohne später armutsgefährdet zu sein“, sagt Siegfried Pichler.  Teilzeit-Arbeit darf keine Einbahnstraße, sondern muss eine Möglichkeit zur flexiblen und freieren Gestaltung des eigenen Lebens sein. "Mehr Rechtssicherheit in diesem Bereich ist auch ein wichtiger Beitrag zur derzeitigen Debatte um flexiblere Arbeitszeiten", so der AK-Präsident.

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