Am Limit: Wenn Stress, Erschöpfung und Gewalt zum Arbeitsalltag werden
Erst waren es die Kommentare über ihre Kleidung und ihren Körper, dann die Fragen nach ihrem Sexleben. Schließlich griff ihr Vorgesetzter einer jungen Arbeitnehmerin ans Gesäß. Sie holte sich Hilfe bei der AK. Ihr Fall zeigt, wie schnell Grenzüberschreitungen am Arbeitsplatz eskalieren können. Gleichzeitig nehmen Stress und Erschöpfung unter Beschäftigten zu. Besonders dramatisch ist die Situation im Gesundheits- und Sozialbereich: Burnout ist längst kein Einzelfall mehr, viele Beschäftigte erleben Beschimpfungen, Belästigungen oder sogar körperliche Übergriffe. AK-Präsident Peter Eder fordert deshalb mehr Prävention, mehr Personal und mehr Kontrolle: „Arbeitnehmer:innenschutz muss dort greifen, wo die Belastung entsteht – und nicht erst, wenn es zu spät ist.“
Eine junge Arbeitnehmerin, erst seit kurzer Zeit in einem Finanzunternehmen beschäftigt, wird von ihrem Abteilungsleiter immer wieder auf ihre Kleidung und ihren Körper angesprochen. Er fragt sie nach ihrem Intim- und Sexleben und bestellt sie ohne erkennbaren beruflichen Grund alleine zu sich ins Büro. Lange schweigt die Frau. Zu groß ist die Angst, dass ihr daraus berufliche Nachteile entstehen könnten. Erst als der Vorgesetzte ihr nach einer Besprechung ans Gesäß fasst, beschließt sie, sich Hilfe zu holen.
Der Fall zeigt: Gewalt und psychische Belastungen am Arbeitsplatz beginnen oft lange vor dem sichtbaren Übergriff. Und sie können viele Formen annehmen – von sexueller Belästigung und Mobbing bis hin zu Beschimpfungen, Bedrohungen und körperlicher Gewalt.
Anlässlich des morgigen Welttages für psychische Gesundheit machen die Arbeitnehmerschützer:innen der AK Salzburg auf besorgniserregende Befragungsergebnisse unter Salzburgs Arbeitnehmer:innen aufmerksam. Stress, Erschöpfung und Zukunftssorgen nehmen zu. Besonders belastet sind Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich. Dort kommt zum hohen Arbeitsdruck eine weitere Belastung hinzu, die nicht länger als unvermeidbares Berufsrisiko hingenommen werden darf: Gewalt am Arbeitsplatz. Das zeigen aktuelle Daten aus dem AK-Arbeitsklima Index und dem AK-Gesundheitsmonitor.
Mehr Stress, mehr Erschöpfung, mehr Unsicherheit
Die Stimmung unter den Salzburger Beschäftigten hat sich 2025 deutlich verschlechtert. 53 Prozent blicken pessimistisch auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Österreichs – 12 Prozentpunkte mehr als noch im Jahr davor. Damit wird der höchste Wert seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2016 erreicht.
Auch der persönliche Arbeitsalltag wird für viele zunehmend belastend. 40 Prozent der Beschäftigten leiden häufig oder sehr häufig unter Alltagsstress. Mehr als die Hälfte fühlt sich regelmäßig erschöpft und ermattet, 27 Prozent sogar häufig oder sehr häufig. Besonders stark betroffen sind junge Beschäftigte: 68 Prozent der bis 25-Jährigen fühlen sich regelmäßig erschöpft.
„Wir sehen eine zunehmende Verdichtung von Belastungen. Gesellschaftliche Unsicherheit, Zeitdruck und hohe Anforderungen im Berufsleben wirken zusammen und hinterlassen Spuren“, sagt Karin Hagenauer, Leiterin des Referats für Arbeitsbedingungen und Arbeitnehmer:innenschutz in der Salzburger Arbeiterkammer.
Burnout ist im Gesundheitsbereich längst kein Einzelfall mehr
Besonders drastisch ist die Entwicklung bei Beschäftigten in Gesundheits- und Sozialberufen. 63 Prozent der Befragten kennen Kolleg:innen, die von Burnout betroffen sind oder waren. 2014 waren es erst 33 Prozent. „Angesichts dieser Zahlen können wir nicht mehr von Einzelfällen sprechen“, so AK-Expertin Hagenauer. „Um gegenzusteuern, müssen strukturelle Arbeitsbedingungen, Personalbesetzung, Dienstpläne, Arbeitsorganisation, Führung und ausreichende Erholungszeiten so gestaltet werden, dass Beschäftigte ihre Arbeit langfristig gesund ausüben können.“
Dass psychische Belastungen nicht nur durch hohe Arbeitsmengen entstehen, zeigt der Fall eines langjährigen Sachbearbeiters im Versicherungswesen. Ein Kollege verbreitete Gerüchte über angebliche Leistungsdefizite, machte sich über das „langsame Arbeiten“ und das „antiquierte Denken“ des Mannes lustig und versuchte, einen despektierlichen Spitznamen für ihn zu etablieren. Schließlich entwickelte der Betroffene Schlafstörungen, Magen- und Kopfschmerzen sowie Angstzustände. Es wurde so schlimm, dass er nicht mehr arbeiten gehen konnte.
Mit Unterstützung der AK, des Betriebsrats und der Präventivfachkräfte wurde eine Arbeitspsychologin beigezogen und ein Mediationsprozess eingeleitet. Eine Abmahnung und ein Coaching für den Kollegen sowie Veränderungen in der Arbeitsorganisation führten schließlich zu einer Verbesserung der Situation. Zusätzlich wurde ein Präventionskonzept gegen Mobbing am Arbeitsplatz erarbeitet.
„Mobbing ist kein persönliches Problem der Betroffenen. Es braucht Strukturen im Betrieb, die solche Situationen erkennen, ernst nehmen und verhindern“, sagt Hagenauer.
Gewalt gehört für viele zum Berufsalltag
Neben Stress und Arbeitsverdichtung wird für Beschäftigte im Gesundheitsbereich eine weitere Belastung immer drängender: Gewalt am Arbeitsplatz. Die Zahlen des Gesundheitsmonitors sind alarmierend: 39 Prozent erleben regelmäßig Beschimpfungen und Beleidigungen. 16 Prozent berichten von Tätlichkeiten oder Handgreiflichkeiten. 13 Prozent sind mit sexueller Belästigung konfrontiert.
Die Gewalt geht dabei überwiegend von Patient:innen und deren Angehörigen aus: In 54 Prozent der Fälle werden Patient:innen als Verursacher genannt, in weiteren 27 Prozent Angehörige.
„Gewalt darf niemals als normaler Bestandteil eines Berufs akzeptiert werden“, stellt Hagenauer klar. „Wer Menschen pflegt, betreut oder medizinisch versorgt, darf nicht damit rechnen müssen, beschimpft, bedroht, angegriffen oder sexuell belästigt zu werden.“
Doch Gewalt kann auch innerhalb eines Betriebes entstehen. Eine Beschäftigte, die als Köchin in einer Unternehmenskantine arbeitet, wurde während eines Streits von einem Kollegen fest an der Schulter gepackt und gestoßen. Die Arbeitgeberin spielte den Vorfall zunächst als „normalen Streit“ herunter.
Erst nach Intervention der AK und der Sicherheitsvertrauensperson wurde genauer hingesehen. Dabei zeigte sich: Hoher Stress und eine ungünstige Arbeitsteilung hatten die Konflikte in der Küche zusätzlich verschärft. Neben einem klärenden Gespräch mit dem Kollegen wurden deshalb auch die Arbeitsabläufe verändert.
„Genau hier muss Prävention ansetzen: Nicht erst beim Übergriff, sondern bei den Bedingungen, die Konflikte, Überlastung und Gewalt begünstigen“, sagt Hagenauer.
Auch im Fall der jungen Arbeitnehmerin aus dem Finanzunternehmen wurde deutlich, wie wichtig klare Strukturen und ein konsequenter Umgang mit Grenzüberschreitungen sind. Die AK unterstützte sie bei ihren rechtlichen Schritten und bei der Einbindung der Gleichbehandlungsanwaltschaft und des Betriebsrats. Der Vorgesetzte verlor schließlich seinen Arbeitsplatz, die Beschäftigte erhielt eine Schadenersatzzahlung. Zusätzlich wurden die Beschäftigten des Unternehmens zum Thema sexuelle Belästigung sensibilisiert und die Evaluierung der psychischen Belastungen entsprechend angepasst.
„Das zeigt: Es gibt Handlungsmöglichkeiten – aber Betroffene müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen zugehört wird und dass Arbeitgeber ihrer Verantwortung nachkommen“, sagt Hagenauer.
AK fordert konsequenten Arbeitnehmer:innenschutz
Für die AK-Expertin braucht es einen umfassenden Ansatz: „Beschäftigte brauchen klare Schutzkonzepte, ausreichend Personal und Schulungen in Deeskalation und Gefahrenabwehr. Gleichzeitig müssen psychische Belastungen am Arbeitsplatz ernst genommen und systematisch reduziert werden.“
Die Salzburger Arbeiterkammer fordert deshalb konkrete Maßnahmen:
- Stärkung des Arbeitnehmer:innenschutzes durch höhere Strafmaße und verbindliche Sanktionen bei Verstößen, etwa bei der Nicht-Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Evaluierungen.
- mehr Betriebskontrollen durch die Arbeitsinspektion, insbesondere bei Gewalt, Zeit- und Arbeitsdruck, sowie konsequente Nachkontrollen.
- mehr finanzielle und personelle Ressourcen für die Arbeitsinspektion.
- eine höhere jährliche Einsatzzeit von Präventivfachkräften sowie die gesetzliche Gleichstellung von Arbeits- und Organisationspsycholog:innen mit anderen Präventivfachkräften.
- verpflichtende Ausbildung und Schulung von Pflege- und Betreuungskräften in Deeskalation und Gefahrenabwehr.
- transparente Personalberechnungsmodelle, damit objektiv festgestellt werden kann, wie viel zusätzliches Personal tatsächlich benötigt wird.
- die flächendeckende Identifikation von Risikobereichen und Umsetzung entsprechender Gewaltschutzkonzepte.
- „Psychische Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz sind keine Extras, die man sich leisten kann, wenn gerade genug Zeit und Personal vorhanden sind“, betont AK-Präsident Peter Eder. „Es muss gehandelt werden, bevor Beschäftigte krank werden, bevor sie ausbrennen und bevor aus einem Konflikt Gewalt wird. Arbeitnehmer:innenschutz muss dort greifen, wo die Belastung entsteht – und nicht erst, wenn es zu spät ist.“