AKI Gesundheitsberufe 2026

Nahezu jede:r zweite Salzburger Beschäftigte im Gesundheitsbereich fühlt sich im Job dermaßen belastet, dass ein Arbeiten bis zur Pension für unwahrscheinlich erachtet wird. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des AK-Arbeitsklima Index. Und das, obwohl fast 9 von 10 Beschäftigten ihre Tätigkeit als sinnvoll empfinden und 77 Prozent mit ihrem Beruf an sich (sehr) zufrieden sind. AK-Präsident und ÖGB-Landesvorsitzenden Peter Eder: „Die Beschäftigten im Gesundheitsbereich zeigen jeden Tag, welchen wertvollen Dienst sie an der Gesellschaft leisten. Aber Sinn allein darf kein Ersatz für gute Arbeitsbedingungen sein. Wer ständig am Limit arbeitet, zu wenig Zeit für Patient:innen hat und trotz Krankheit zur Arbeit kommt, braucht vor allem bessere Rahmenbedingungen. Es geht nicht nur darum Menschen für den Pflegeberuf zu interessieren, sondern auch darum, bestehendes Personal zu halten und nicht zu vertreiben.“

Beschäftigte im Salzburger Gesundheitsbereich arbeiten mit hoher fachlicher und persönlicher Identifikation, die Arbeitsbedingungen setzen ihnen aber zunehmend zu. Das zeigt der aktuelle Arbeitsklima Index Gesundheit und Soziales 2026, den das Institut IFES im Auftrag der Salzburger Arbeiterkammer erhoben hat. 87 Prozent der Beschäftigten empfinden ihre Tätigkeit als sinnvoll, 77 Prozent sind mit ihrem Beruf (sehr) zufrieden. Gleichzeitig bezeichnet mehr als ein Drittel die Arbeitsbelastung als zu hoch und fast die Hälfte sieht ihre Arbeitsfähigkeit bis zur Pension gefährdet.

Viel Motivation, aber immer weniger Zeit für das Wesentliche

Die Beschäftigten im Gesundheitsbereich haben eine ausgesprochen hohe Bindung an ihre Tätigkeit. Bei der Wahl des Betriebs spielen neben der Nähe zum Wohnort vor allem die Tätigkeit selbst und die Arbeit mit den Menschen eine zentrale Rolle.

Gerade deshalb fällt eine andere Zahl besonders ins Gewicht: Jede:r Zweite gibt an, zu wenig Zeit für den fachlichen Austausch mit Kolleg:innen zu haben. Gleichzeitig sagen 37 Prozent an, dass Dokumentation und Administration zu viel Zeit beanspruchen.

Besonders deutlich zeigt sich die Schieflage in der Pflege. Mehr Zeit für Patient:innen wünschen sich 65 Prozent der Pflegeassistent:innen, 53 Prozent der Pflegeachassistent:innen und 50 Prozent der diplomierten Pflegekräfte.

„Die Beschäftigten wollen ihren Beruf ausüben und für Menschen da sein – und genau dafür fehlt ihnen häufig die Zeit“, so AK-Gesundheitsexperte Norbert Piberger, „im 21. Jahrhundert gibt es technische Möglichkeiten, die viele dieser Tätigkeiten vereinfachen und automatisieren können. Die Träger werden mit dem Problem zumeist allein gelassen. Es ist Aufgabe des Landes, hier zentrale Lösungen bereitzustellen“

42 Prozent empfinden Arbeit als zu hart

Die Arbeitsintensität im Gesundheitsbereich liegt deutlich über dem allgemeinen Niveau. 42 Prozent der Beschäftigten empfinden ihre Arbeit als zu hart, beziehungsweise die Belastungen als zu hoch. Bei den Salzburger Beschäftigten insgesamt sind es laut Arbeitsklima Index 2025 lediglich 20 Prozent.

Die Belastungen haben viele Ursachen: 46 Prozent erleben ihre Tätigkeit als psychisch aufreibend, 45 Prozent nennen die hohe Verantwortung für Menschen als Belastung und 47 Prozent die körperliche Anstrengung. Hinzu kommen Zeitdruck (46 Prozent), ständiger Arbeitsdruck (39 Prozent) und fehlende Rückzugsmöglichkeiten (42 Prozent).

AK-Präsident Eder: „Diese Zahlen zeigen sehr klar: Wenn Beschäftigte dauerhaft unter Zeitdruck stehen, körperlich und psychisch an ihre Grenzen kommen und trotzdem funktionieren müssen, dann braucht es strukturelle Verbesserungen. Gesundheit darf nicht auf Kosten der Gesundheit jener organisiert werden, die tagtäglich für andere da sind.“

Es ist 5 vor 12 in Sachen Arbeitsfähigkeit

Besonders ernst ist der Blick auf die langfristige Arbeitsfähigkeit. 42 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitsbereich halten es für eher oder sehr unwahrscheinlich, bis zur Pension arbeitsfähig zu bleiben. Im allgemeinen Arbeitsklima Index 2025 liegt dieser Wert bei 29 Prozent.

Hinzu kommt ein besonders hoher Wert beim Phänomen des Präsentismus (trotz Krankheit in die Arbeit): 77 Prozent der Beschäftigten haben in den vergangenen sechs Monaten trotz gesundheitlicher Einschränkung gearbeitet. Im Durchschnitt aller Salzburger Beschäftigten waren es 61 Prozent. Bei starkem Zeitdruck steigt dieser Anteil sogar auf 85 Prozent.

„Wenn Menschen krank zur Arbeit gehen, weil sie wissen, dass sonst Kolleg:innen und Patient:innen draufzahlen, ist das ein Warnsignal für das gesamte System“, so AK-Experte Piberger, „Präsentismus darf nicht als besonderes Pflichtbewusstsein missverstanden werden. Er zeigt vielmehr, dass Personalreserven und Möglichkeiten zur Regeneration fehlen.“

Burnout ist an der Tagesordnung

Auch beim Thema Burnout zeigen die Ergebnisse eine deutliche Verschärfung. 63 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitsbereich kennen Kolleg:innen, die von Burnout betroffen sind oder waren. 2014 waren es noch 33 Prozent. Im allgemeinen Arbeitsklima Index 2025 liegt der Anteil bei 32 Prozent. In der Pflege ist die Betroffenheit besonders hoch: 72 Prozent kennen Kolleg:innen mit entsprechenden Erfahrungen.

Für den AK-Präsidenten ist damit eine Grenze erreicht: „Es darf nicht zur Normalität werden, dass Beschäftigte krank werden, weil sie sich um kranke Menschen kümmern. Wer Burnout als individuelles Problem der einzelnen Beschäftigten behandelt, greift zu kurz. Wir müssen über Arbeitsorganisation, Personalausstattung, Dienstpläne, Führung, Pausen und echte Erholungsmöglichkeiten sprechen, fordert Peter Eder.“

Gewalt gehört für viele Beschäftigte zum Arbeitsalltag

Ein weiterer Belastungsfaktor ist Gewalt am Arbeitsplatz. 39 Prozent erleben regelmäßig Beschimpfungen und Beleidigungen, 16 Prozent Tätlichkeiten oder Handgreiflichkeiten. 13 Prozent berichten von sexueller Belästigung. In der Mehrzahl der Fälle geht die Gewalt von Patient:innen (54 Prozent) oder deren Angehörigen (27 Prozent) aus.

„Gewalt darf niemals als Berufsrisiko abgetan werden“, betont Piberger, „es braucht ausreichend Personal, klare Schutzkonzepte, Schulungen und funktionierende Unterstützungssysteme. Beschäftigte müssen wissen, dass sie in einer schwierigen Situation nicht alleine gelassen werden.“

Beschäftigte ernstnehmen, Gesundheitssystem stärken

Für Peter Eder zeigen die Ergebnisse des Arbeitsklima Index vor allem eines, die Beschäftigten im Gesundheitsbereich tragen unser Gesundheitssystem jeden Tag: „Sie verdienen dafür Arbeitsbedingungen, unter denen sie ihren Beruf auch langfristig gesund ausüben können. Es reicht nicht, immer wieder über den Fachkräftemangel zu reden. Wir müssen endlich dafür sorgen, dass die Menschen, die wir dringend brauchen, nicht durch Überlastung aus dem Beruf gedrängt werden.“

Eine weitere Lücke sieht die AK darin, dass die Pflegefachassistenz nicht im Gemeinderecht abgebildet ist – und das obwohl diese Berufsgruppe seit 2016 ein wesentliches Element des Pflegesystems ist.

Die AK hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Personalgewinnung und Personalbindung die gleiche Wertigkeit haben müssen. Mehr Menschen für Gesundheitsberufe zu gewinnen ist wichtig. Genauso wichtig ist es aber, dafür zu sorgen, dass sie dortbleiben wollen und vor allem können. Dazu gehören Arbeitszeiten, die Beruf und Care-Arbeit miteinander vereinbar machen, ausreichend Personal, Gesundheitsprävention, echte Erholungsmöglichkeiten, gute Bezahlung und Mitsprache.

„Die Botschaft der Beschäftigten ist eigentlich sehr klar: Sie wollen ihren Beruf machen. Sie wollen Zeit für Patient:innen haben. Sie wollen gesund bis zur Pension arbeiten können. Jetzt ist es Aufgabe der Politik und der Betriebe, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen“, so Eder abschließend.

Was es jetzt rasch braucht: Forderungen der AK

Um den Beschäftigten in Gesundheits- und Sozialberufen eben solch bessere Rahmenbedingungen für ihre Tätigkeiten bieten zu können, braucht es aus Sicht der Salzburger Arbeiterkammer rasche Maßnahmen, sowohl von Landes-, als auch von Bundesseite. Was das Land tun kann, bzw. muss:

  • Transparente Personalberechnungsmodelle um festzustellen, wieviel zusätzliches Personal nun wirklich benötigt wird
  • Entlastung der Langzeitpflege durch 1450
  • Maßnahmen zur Dienstplansicherheit weiter vorantreiben
  • Den angekündigten Expert:innenpool rasch(er) umsetzen und für Langzeitpflege, mobile Pflege und Teilhabe jederzeit abrufbar machen
  • Höherentwicklung & Höherqualifizierung ermöglichen: Die Kostenübernahme der Ausbildung vom Land ist positiv, aber der AMS-Fördertopf ist leer. Die Deckung des Lebensunterhalts ist somit nicht gewährleistet, was viele Ausbildungsabbrüche nach sich zieht
  • Wiedereinführung, bzw. Finanzierung von Community Nurses zur Entlastung der Pflege im extramuralen Bereich

Im Zusammenhang mit den hohen Arbeitsbelastungen und der immer schwierigeren Erhaltung der Arbeitsfähigkeit sind außerdem von Bundesseite Bemühungen notwendig, um den betrieblichen Gesundheitsschutz voranzutreiben:

  • Stärkung des Arbeitnehmer:innenschutzes durch höhere Strafmaße bei Überschreitungen und Missachtungen sowie durch verbindliche Sanktionen bei Nicht-Einhaltung, beispielsweise der Evaluierungsverpflichtung
  • Ausweitung der durch die Arbeitsinspektion unternommenen Betriebskontrollen (samt Nachkontrollen), insbesondere bei Arbeitsbelastungen wie zB Gewalt oder Zeit- und Arbeitsdruck
  • Damit einhergehend: Erhöhung der finanziellen und personellen Ressourcen der Arbeitsinspektion
  • Erhöhung der jährlichen Einsatzzeit der Präventivfachkräfte (PFK) und Verankerung von Arbeits- und Organisationspsycholog:innen als gleichwertige Präventivfachkräfte im Arbeitnehmer:innenschutzgesetz (ASchG) 
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