18.5.2017
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"Wie die Maus auf dem Laptop des Teamleiters"

Druck, Angst, permanente Überwachung. Im Lager eines großen deutschen Internetversandhandels lernte Team-Wallraff-Reporterin Caro Lobig ein Zerrbild der modernen Arbeit kennen. Bei der AK-Veranstaltung  „Vernetzte Arbeitswelt – arbeiten, mitbestimmen und Daten schützen im digitalisierten Betrieb“ berichtete sie darüber. Insgesamt zeichnen die AK-Experten ein differenziertes Bild der Digitalisierung. „Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, aber sie wird sich verändern. Die Digitalisierung bietet Chancen, die faire Arbeit der Zukunft zu gestalten“, so AK-Präsident Siegfried Pichler.

Die Digitalisierung durchdringt alle gesellschaftlichen Bereiche. Die immer moderneren Technologien bringen viele Vorteile: So entstehen etwa neue Aufgabenfelder und damit auch Arbeitsplätze, die weniger körperlich belastend und monoton sind. Es gibt technische Potenziale für mehr Selbstbestimmung der Mitarbeiter. Und: Die  ökologischen Chancen und Spielräume für eine gerechtere Verteilung werden größer. Aber es gibt auch Risiken: Die Mitbestimmung im Betrieb könnte zurückgedrängt werden. Neben guten Arbeitsplätzen entstehen auch neue arbeitsrechtliche Probleme und prekäre Jobs. Werden bestehende Arbeitsplätze wegdigitalisiert, steigt auch die Arbeitslosigkeit. Datenschutz, Cybercrime und Überwachung werden eine noch größere Herausforderung als bisher.

Drei Monate in der digitalisierten Höhle des Löwen

Wie es nicht werden darf ist klar: Die investigative Journalistin Caro Lobig war drei Monate mit versteckter Kamera in einem großen deutschen Online-Versandhandel tätig. Bei der AK-Veranstaltung „Vernetzte Arbeitswelt – arbeiten, mitbestimmen und Daten schützen im digitalisierten Betrieb thematisierte sie die dortigen Auswüchse, ein Zerrbild moderner Arbeit:  Ständige Kontrolle, Aushorchen der Mitarbeiter, hoher Leistungsdruck, über 20 Kilometer Fußweg täglich zwischen Lagerregalen und ein Handscanner, der Beschäftigte komplett überwachbar macht.

Ständige Kontrolle, Akkordarbeit und Kettendienstverträge

„Der Teamleiter bekam auf Knopfdruck Infos, wo die Mitarbeiter sind, was sie machen. Ich war wie eine Maus auf dem Laptop des Teamleiters“, so Lobig. Im Rahmen ihrer Arbeit war es keine Seltenheit, dass der Teamleiter unvermittelt hinter ihr auftauchte und sagte: „So, jetzt prüfen wir eine Zahlen.“ Anhand des Überwachungssystems war das ja überall in der mehrere Fußballfelder großen Lagerhalle möglich. Diese ständige Kontrolle schafft psychischen und körperlichen Druck. Denn man muss eine bestimmte Menge Pakete pro Stunde scannen. Gleichzeitig gerierte sich das mittlere Management als „Kumpel“. Mitarbeiter wurden ausgefragt, auch über das Privatleben. Ein Vertrauter, dem man alles erzählen kann, war der Teamleiter aber nicht. Denn die privaten Infos konnten bei einer Erkrankung auch das Ende des Jobs bedeuten. Überhaupt durften sich die Angestellten im Gegensatz zur Führungskraft bei Gesprächen nicht hinsetzen. Die 1-Jahres Verträge bestanden aus 6 Monaten Probezeit – und dann 6 Monaten „Probephase“, in der man die Zahlen bringen musste, um für ein weiteres Jahr beschäftigt zu werden. Die Angst vor Arbeitslosigkeit machte den Angestellten dabei zusätzlich Druck – rund 50 Prozent der Mitarbeiter waren befristet.

Digitalisierte Arbeitsplätze müssen gute Arbeitsplätze sein

„Vieles davon ist nicht erlaubt. Aber es wird eben nicht kontrolliert. Online-Versandhändler sind sich da oft ähnlich. Es gibt Gesetze zum Datenschutz. Die dürfen das nicht. Aber sie machen es oft trotzdem“, sagte Caro Lobig. Der Gipfel des Ganzen: Regelmäßiger stichprobenartige Durchsuchungen der Mitarbeiter – jeder ist ein potenzieller Dieb. Einen konkreten Verdacht brauchte es nicht – teilweise wurde sogar unter Shirts nachgesehen. Kameras zeichneten nicht nur die Arbeitsprozesse auf, sondern wurden auch zur Mitarbeiterbeobachtung eingesetzt. „Es wird damit gespielt, dass die Menschen nichts anderes finden. Wer sich gewerkschaftlich engagiert, steigt nicht auf. Digitalisierung ist ein Problem, wenn Unternehmen, die sie negativ einsetzen, immer mächtiger werden. Wenn sie Menschen wie Roboter benutzen. Je solidarischer die Arbeitswelt, desto besser für diese Mitarbeiter. Es wird mehr digitalisierte Arbeitsplätze geben, aber es müssen gute Arbeitsplätze sein!", so Lobig.

Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt – sie ist gestaltbar

AK-Experte Tobias Hinterseer stellte klar, dass die Digitalisierung der gesamten Arbeitswelt viel weiter geht als etwa Industrie 4.0 in der Produktion. „In manchen Bereichen verdichten sich durch die Digitalisierungs-Möglichkeiten auch Probleme“, so Hinterseer. Es ist aber falsch die Digitalisierung als Sachzwang darzustellen, wo automatisch Arbeits- und Sozialrecht, Kollektivverträge und Mitbestimmung zurückgedrängt werden müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. „Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt, die die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegschwemmt. Sie ist gestaltbar!“, mahnte Hinterseer ein.

„Fortschritt“ und „Service“  dürfen keine Freiheiten rauben

AK-Jurist Wolfgang Goricnik verglich die Diskussion um das Wahren des Datenschutzes mit altem Wein in neuen Schläuchen. Denn schon seit 1986 haben Betriebsräte rechtlich die Möglichkeit, gestalterisch tätig zu werden und Auswüchse zu verhindern. Chancen sah er darin, dass Daten, die Arbeitgeber zur Kontrolle und Überwachung der Mitarbeiter einsetzen genauso zum Arbeitnehmerschutz und der Kontrolle der Unternehmensführung eingesetzt werden können. „Im Internet der Dinge kommunizieren nicht nur Gegenstände untereinander. So entstehen viele auf Personen beziehbare Daten – ganz besonders am Arbeitsplatz. Das wird oft als Fortschritt oder Service verkauft. Aber es raubt Freiheiten!“, so Goricnik. Um diese Veränderung im Sinne der Menschen zu gestalten brauche es viele Regelungen in den Betrieben – und damit starke, moderne und gut ausgebildete Betriebsräte.

Gleichgewicht zwischen Betriebsrat und Unternehmen wahren

Das Konzept Betriebsrat an sich ist jedenfalls bewährt und fast so alt wie die Republik Österreich. „Die Demokratisierung bis in den Betrieb hinein hatte das Ziel, ein Sprechen und Verhandeln auf Augenhöhe mit dem Unternehmer zu ermöglichen. Wer sagt Betriebsräte sind von gestern, der will zurück nach vorgestern – denn nur durch Betriebsräte wurde das Bild des feudalistischen, absolutistischen Chefs in vielen Unternehmen abgelöst“, sagte Robert Priewasser aus der wirtschaftspolitischen Abteilung der AK. Vor allem bei Sozialplänen haben Betriebsräte bereits jetzt viel Handhabe. Dabei muss es nämlich nicht nur um Betriebsschließungen gehen. Auch größere digitale Umstrukturierungen können einen Sozialplan erforderlich machen: Er ermöglicht, die Beschäftigten im Prozess mitzunehmen und weiterentwickeln. „Mitbestimmung im Betrieb kann Digitalisierung positiv gestalten helfen. Die rechtlichen Werkzeuge dazu sind da. Aber das Gleichgewicht zwischen Betriebsrat, Unternehmensführung und dem Datenschutz muss gewahrt bleiben“, so Robert Priewasser, Tobias Hinterseer und Wolfgang Goricnik. 

Die abschließende rege Diskussion wurde von Stefan Wally moderiert, dem Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. Dort zeigte sich, dass die Digitalisierung für viele bereits Realität ist. Und, dass die Antworten brandaktuell sind, die AK und Gewerkschaften darauf geben können: Es wurde etwa ganz konkret nach möglichen Betriebsvereinbarungen gefragt – oder wie man mit einem Fitness-Tracker im Sinne des Datenschutzes umgehen sollte.

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