8.2.2018
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"Mehr fair statt prekär": Rezepte für eine bessere (Arbeits)welt

Prekäre Arbeit ist auf dem Vormarsch, die Zahl ganzjähriger Vollzeitjobs stagniert: Befristungen, Mehrfachbeschäftigung oder Leiharbeit setzen die Beschäftigten unter Druck und haben Unsicherheit, „working poor“ und Altersarmut in die Mitte der Gesellschaft geführt. Deshalb haben AK und ÖGB Salzburg Gegenmaßnahmen entwickelt, die im Rahmen einer Veranstaltung nun präsentiert wurden. „Wir schauen nicht weg“, sagt AK-Vizepräsident und ÖGB-Landesvorsitzender Peter Eder, „es liegt an der Politik, diese Ideen aufzugreifen und für eine bessere und gerechtere Arbeitswelt zu sorgen.“ Das könnte etwa durch verbesserte Kinderbetreuung, Forcierung von Weiterqualifizierung oder auch durch neue Modelle zur Arbeitszeitverkürzung geschehen.

Die Zunahme prekärer Jobs schreitet voran: übertragen auf den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft bedeutet dies, dass Arbeits-und Lebensverhältnisse unsicherer werden. Um diese Entwicklung zu stoppen, haben Expertinnen und Experten der Salzburger Arbeiterkammer und des Österreichischen Gewerkschaftsbundes mögliche Gegenmaßnahmen entwickelt. Diese Vorschläge wurden gestern, am 6. Februar 2018, im Rahmen der Veranstaltung „Prekäre Arbeit im Bundesland Salzburg: Wo stehen wir – wohin gehen wir“ rund 100 interessierten Gästen in der AK präsentiert.

„Eine Weiterentwicklung der Arbeitswelt im Sinne der Beschäftigten und soziale Sicherheit sind zentrale Themen für die AK. Deshalb haben wir Maßnahmen und Vorschläge erarbeitet, die es braucht, um der zunehmenden Prekarisierung der Arbeitswelt entgegenzuwirken. Damit im Bundesland Salzburg „gute Arbeit“ nicht zum Fremdwort wird oder anders gesagt: damit die Zukunft fair und nicht prekär heißt“, so Peter Eder.

Prekarisierung auf dem Vormarsch

Zwischen den Jahren 2008 und 2016 ist die Beschäftigung im Bundesland Salzburg um über 7 Prozent gestiegen. Nur auf den ersten Blick erfreulich, denn ein erklecklicher Anteil dieser neu entstandenen Jobs beruht auf einer Zunahme von Teilzeitarbeit (plus 27,5 Prozent). Die Zahl ganzjähriger Vollzeitjobs ist in diesem Zeitraum nur um 0,5 Prozent gewachsen. Es gibt also eine klare Verschiebung weg von klassischer, ganzjähriger Vollzeitbeschäftigung (so arbeitet nur mehr jeder zweite Beschäftigte) hin zu Befristungen, Leiharbeit, Mehrfachbeschäftigung.

Das erhöht den Druck auf alle Arbeitenden – die Folgen: Unsicherheit, Zeitdruck, „working poor“, Altersarmut. Das zeigt auch ein Blick auf die Einkommen: die Hälfte der Salzburger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdient unter 1.000 Euro netto monatlich – im teuren Salzburg existenzbedrohend.

Diese Verschiebung bei den Beschäftigungsformen wirkt sich auch auf die Gruppe der noch gut Abgesicherten aus. Neue Formen der Arbeitsorganisation, die Verschiebung der unternehmerischen Verantwortung auf die Beschäftigten durch Zielvereinbarungen, zeitliche Entgrenzung der Arbeit, All-in Verträge und das ständige Gebot der Leistungsoptimierung sind Beispiele dafür, wie der Druck auf alle erhöht und die Unsicherheit vergrößert wird. „Diese Veränderungen der Arbeitsverhältnisse werden vom Abbau und der Infragestellung der Standards der sozialen Sicherheit begleitet und verstärkt“, gibt AK-Direktor-Stellvertreterin Cornelia Schmidjell zu bedenken.

Arbeitszeitverkürzung – Pilotprojekt bei Langzeitpflege

Eine Überlegung der Expertinnen und Experten geht in Richtung einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich – exemplarisch zu versuchen etwa in einigen Bereichen der stationären Langzeitpflege. Beschäftigte in diesem Bereich stehen unter großem Druck: Hohes Burn-out-Risiko, regelmäßige Überstunden und hohe physische und psychische Belastungen gehören zum beruflichen Alltag von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Senioren- und Pflegeeinrichtungen. Das führt oft zu vermehrten Krankenständen und vorzeitigen Pensionsantritten. Zeitdruck und Arbeitszeitverdichtung spielen dabei als Faktoren eine entscheidende Rolle. Daher wird zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der stationären Pflege in Salzburg vorgeschlagen, ein neues Arbeitszeitmodell in Form eines Pilotprojektes zu erproben. Entsprechend einem schwedischen Modell, das wissenschaftlich begleitet und evaluiert wurde, soll die tägliche Arbeitszeit für Pflegekräfte auf 6 Stunden – die wöchentliche Arbeitszeit auf 30 Stunden – bei vollem Lohnausgleich reduziert werden. Das soll die Gesundheit der Beschäftigten fördern, die Qualität der Pflege verbessern und nicht zuletzt mehr Vollzeit-Arbeitsplätze in dieser Branche schaffen.

Mehr Betreuungsplätze für Kleinkinder

Ein zweiter Ansatz, der der Prekarisierung den Kampf ansagt, ist ein verstärkter Ausbau der Kinderbetreuung, konkret: mehr Elementarbildungsplätze für Kleinkinder. Denn: Trotz des laufenden Ausbaus des Angebots an elementaren Bildungseinrichtungen gibt es gerade im Bereich der Kleinkindbetreuung erhebliche Defizite: Mit einer institutionellen Betreuungsquote von 19,1 Prozent liegt Salzburg nicht nur hinter dem Bundesschnitt von 25,5 Prozent, sondern auch hinter dem „Barcelona-Ziel“, nach dem es bereits im Jahr 2010 für 33 Prozent der unter 3-Jährigen einen institutioneller Betreuungsplatz geben hätte müssen. Derzeit erfüllen in Salzburg lediglich 36,7 Prozent der Krabbelgruppen und 46,8 Prozent der alterserweiterten Gruppen die VIF–Kriterien (Vereinbarkeitsindikator für Familie und Beruf).

Ziel muss eine Verdoppelung der bisherigen Quote (auf 50 Prozent) bei den Betreuungsplätzen für unter 3Jährige sein. Das brächte einen erheblichen Mehrwert: Einerseits würden die Kinder selbst gefördert, indem späteren Bildungsnachteilen vorgebeugt wird. Andererseits stärkt dies die Erwerbspositionen der Frauen und nicht zuletzt würde auch diese Maßnahme ein Plus an Arbeitsplätzen bedeuten – rund 2.500.  

Bildungszentren für Erwachsene

Nicht nur für den vorschulischen oder schulischen Bereich, sondern auch bei den Erwachsenen gibt es jede Menge zu tun, um Prekarisierung vorzubeugen. Vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Entwicklungen wie Globalisierung, Digitalisierung, demographischem Wandel und Migration gewinnt Bildung als Schlüsselfaktor an Bedeutung, um den Herausforderungen der Arbeits- und Lebenswelt des 21. Jahrhunderts zu begegnen. Man kommt heute kaum noch darum herum, auch im Erwachsenenalter noch formale Schulabschlüsse nachzuholen. Globalisierung und Arbeit 4.0 machen lebensbegleitendes Lernen notwendig. Bildungsangebote – gerade für Erwachsene – entstehen aber oft mehr zufällig, als auf Grund gesamthafter Planung. Dadurch werden zukünftige Bedarfe an Bildung und zertifizierten Abschlüssen für die Regionen im Bundesland Salzburg zu wenig geplant und koordiniert.

Deshalb schlagen die Projektverantwortlichen vor, den künftigen Bildungsbedarf  systematisch zu erheben und gesamthaft zu planen. Dabei sollen die Auftraggeber beruflicher Erwachsenenbildung im Bundesland Salzburg (Bund, Land Salzburg, AMS, Sozialpartner), die künftigen Erfordernisse - mit dem Fokus auf Prekaritätsvermeidung - erheben und planen. Ebenso sollen die Expertisen und Erkenntnisse des Wissensstandortes Salzburg (Universität und Fachhochschule Salzburg) miteinbezogen werden. Beispiel: Die Studie „Salzburg 2025“ der FH.

„Also die Planung der Erwachsenenbildung aus einer Hand fürs ganze Bundesland, damit künftige Qualifikationen auch für die erreichbar sind, die am meisten vom digitalen Wandel gefährdet sind“, fasst Schmidjell zusammen.

Unterstützung für neue Selbständige

Die Zahl so genannter „Neuer Selbständiger“ oder „Solo-Selbständiger“ steigt – diese Entwicklung birgt aber für viele Betroffene Probleme: Denn gerade Solo Selbstständige, ob gewerblich, freiberuflich oder auch als Neue Selbstständige tätig, können oftmals nicht existenzsichernd von ihren Einkommen leben. Rund 13,8 Prozent der Solo-Selbstständigen leben österreichweit armutsgefährdet. Immer mehr Personen arbeiten neben ihrer unselbstständigen Beschäftigung auch noch in einem „selbstständigen“ Vertragsverhältnis.

Für all jene schlägt die AK die Schaffung einer Unterstützungsinfrastruktur vor – etwa so: Mit dem befristeten und von der Europäischen Union (EU) finanzierten Projekt „Jetzt durchstarten“ soll für Salzburgs Ein-Personen-Unternehmen (EPU) eine unbefristete und tragfähige Beratungs- und Unterstützungsinfrastruktur aufgebaut werden – unter Einbeziehung beider Sozialpartner. Ziel ist es, durch bedarfsgerechte Unterstützungsleistungen Prekarität in dieser Gruppe zu bekämpfen und zu einer Verbesserung der Erwerbs- und Einkommenssituation beizutragen.

Zusätzlich fordert die Arbeiterkammer die Schaffung eines Crowdwork-Gesetzes, die Neudefinition des Arbeitnehmerbegriffs, um den Schutzbereich des Arbeitsrechts auch auf schutzbedürftige arbeitnehmerähnliche Personen auszudehnen sowie die Einbeziehung von mehrfach geringfügig Beschäftigten in die Arbeitslosenversicherung.

Projektteam „Prekäre Arbeit im Bundesland Salzburg. Entwicklungen und Handlungsempfehlungen“

  • Patrick Androschin
  • Wilfried Bischofer
  • Stefan Bogner
  • Ines Grössenberger
  • Tobias Hinterseer
  • Gerda Klingenbrunner
  • Hilla Lindhuber
  • Julian Millonigg
  • Florian Preisig
  • Cornelia Schmidjell (Projektleitung)
  • Sabine Stadler
  • Eva Stöckl
  • Bernd Wimmer
  • Wissenschaftliche Begleitung: Birgit Buchinger (Solution)

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