11.1.2018
Drucken
Zu Merkzettel hinzufügen

Familienbonus: Sachleistungen würden allen nutzen

Positiv am neuen Familienbonus ist, dass bereits niedrige mittlere Einkommen davon profitieren. Andererseits haben 35.000 Kinder in Salzburg beziehungsweise deren Eltern nichts von dem Bonus. Mehr als 100.000 Personen im Bundesland verdienen zu wenig, um die Steuererleichterung jemals in Anspruch zu nehmen. Und: Das Konzept ist  mitunter Gift für die Gleichstellung von Mann und Frau. „Sachleistungen in Form von mehr und günstigerer Kinderbetreuung und -bildung würden die Chancengleichheit aller Kinder erhöhen und der Gesellschaft als Ganzes mehr nutzen“, kritisiert AK-Präsident Siegfried Pichler das vorgeschlagene Modell.

Für Ihren Familienbonus nimmt die Regierung mit 1,5 Milliarden Euro viel Geld in die Hand. Pro Kind werden maximal 1.500 Euro direkt von der bezahlten Steuer abgezogen, aber eben nur, wenn das Einkommen hoch genug ist. Das ist eine großzügige Förderung, von der auch viele profitieren. Das Problem ist also nicht, dass viele in den Genuss des Bonus kommen. Sie können sich zu Recht freuen.

35.000 Kinder in Salzburg gehen wegen Elterneinkommen leer aus

Bedenklich ist aber, wie viele Eltern beziehungsweise Kinder nicht in den Genuss des Familienbonus kommen. Das sind österreichweit 500.000 Kinder – rund 35.000 davon in Salzburg. Ihre Eltern verdienen in der Regel zu wenig. AK-Präsident Siegfried Pichler: „Es ist gut, dass Familien entlastet werden. Aber wir meinen, es wäre besser, dieses Geld in Sachleistungen zum Beispiel für die Kinderbetreuung –Stichwort Gratis-Kindergarten – zu investieren.“

Elternteile, die weniger als 17.570 Euro brutto im Jahr verdienen, schauen beim Kinderbonus durch die Finger. In Salzburg verdienen 100.000 Personen zu wenig, um jemals in den Genuss zu kommen. Mehr als ein Drittel aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – davon wiederum zwei Drittel Frauen. Gerade die unteren Einkommen profitieren nicht – auch, wenn die Regierung bei Alleinerziehenden jetzt nachbessern wird.

Familienbonus ist mitunter Gift für die Gleichstellung

AK-Frauenreferentin Ines Grössenberger: „Im alten Modell konnten die tatsächlichen Kinderbetreuungskosten steuerlich geltend gemacht werden. Jetzt bekommt jede Familie pro Kind immer den gleichen Beitrag, wenn sie genug Abgaben zahlt. So sinkt der Anreiz, Kindern eine professionelle Betreuung zu bieten und nach der Karenz wieder arbeiten zu gehen. In diesem Fall kassiert der meistens besser verdienende Mann den Bonus und die Frau bleibt zu Hause oder arbeitet kaum. Die neue Förderung stärkt damit auch das Rollenbild der Frau als Hausfrau und Mutter. Sie übernimmt die unbezahlte Familienarbeit. In diesen Fällen entsteht eine finanzielle Abhängigkeit. Das ist Gift für die Gleichstellung von Frauen und Männern.“

Mehr Sachleistungen wären die sozial ausgewogenere Lösung

Für Pichler ist die Förderung für ihre große finanzielle Tragweite wenig treffsicher. 1,5 Milliarden Euro sind im Vergleich zu den bisherigen Kinderfreibeträgen und der Absetzmöglichkeit von Betreuungskosten eine Vervielfachung der Kosten im Budget.

„Viele Familien profitieren von der Förderung und das ist gut. Wir brauchen aber faire Chancen für alle. Dieses Ziel wird bei einer sehr großen Gruppe von Menschen mit Kindern nicht erreicht. Statt steuerlichen Förderungen, die die Ungerechtigkeit zumindest in einigen Bereichen erhöhen, könnte Österreich auf mehr Sachleistungen setzen“, schlagen Siegfried Pichler und Ines Grössenberger vor. Hier besteht großer Nachholbedarf. Pichler: „Durch Investitionen etwa in die Kinderbetreuung könnten mehr Frauen wieder früher in das Berufsleben einsteigen. Die mit Arbeit verbundenen Versicherungsleistungen bedeuten mehr soziale Absicherung und beugen Altersarmut vor.“ 

Flächendeckende, qualitativ hochwertige und leistbare Bildungs- und Betreuungsangebote für alle Kinder und Altersgruppen sind mehr wert als jeder ausbezahlte Euro. Und sie helfen, Probleme bei Bildung und Kompetenzen frühzeitig zu beseitigen, was der Familienbonus in keiner Weise tut. Österreich liegt bei solchen Sachleistungen unter dem OECD-Schnitt. Daher empfehlen auch viele Untersuchungen einen Ausbau dieses Bereichs.

Fokus sollte auf sozial schwachen  Kindern und Frauen liegen

Ein besonderer Fokus soll zudem auf die jüngsten und armutsgefährdetsten Kinder gelegt werden, so die Empfehlungen der OECD. In Salzburg zählt die Betreuung der unter 3-Jährigen zu den teuersten: Eltern zahlen hier mindestens 116 Euro im Monat. Das bedeutet vor allem für Niedrigverdienende einen großen Kostenaufwand. Zudem hinkt Österreich dem internationalen Ziel von 33 Prozent Kinderbetreuungsquote bei unter 3-Jährigen hinterher. Die Salzburger Betreuungsquote liegt bei 23,8 Prozent.

Die bisherige Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten sollte als Anreiz für einen frühen Wiedereinstieg in den Beruf dienen. Durch den Familienbonus ist diese Anreizwirkung nicht mehr gegeben und ein konservatives Familienbild verstärkt sich weiter. Die Folgen sind eine noch stärkere finanzielle Abhängigkeit von Frauen gegenüber ihrem Partner, die Verfestigung der traditionellen Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern sowie eine erhöhte Armutsgefährdung im Alter.

Ausgewählte Ungerechtigkeiten des Familienbonus:

  • Eine Alleinerzieherin mit 1.200 Euro brutto im Monat profitiert gar nicht oder zumindest finanziell deutlich schwächer vom Kinderbonus als Besserverdiener.
  • Eine alleinerziehende Managerin verdient mit 6.000 Euro brutto im Monat gut. Ihre Mutter, die im gemeinsamen Haushalt lebt, betreut das Kind. So entstehen keine Kosten. Trotzdem beträgt der Kinderbonus 1.500 Euro.
  • In einer 4-köpfigen Familie arbeitet der Vater für 2.000 Euro brutto im Monat als Angestellter. Die Frau verdient mit Teilzeit-Arbeit 600 Euro im Monat, zahlt also keine Steuern. Statt 3.000 Euro bekommt die Familie nur 1.860 Euro Bonus.
  • Eine Familie, in der der Vater als Arbeiter 2.600 Euro verdient und die Frau nicht berufstätig ist, bekommt dagegen bei gleichem Bruttoeinkommen die vollen 3.000 Euro. 

      Facebook-Funktion aktivieren

      Drucken
      Zu Merkzettel hinzufügen
      TeilenZu Merkzettel hinzufügen

      Verwandte Links

      Zum Seitenanfang
      Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
      Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen dazu sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen.
      OK