16.3.2018
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Auch am Ende geht es um Gerechtigkeit

Etwa jede und jeder Fünfte könnte am Ende des Lebens Palliativ- oder Hospizversorgung brauchen. Auf diesen Bedarf ist das Land nicht vorbereitet. Über ein Drittel der Angebote ist spendenfinanziert. Die Soll-Werte an Betten, mobilen Leistungen und Personal werden nicht erreicht. Die AK lud Expertinnen und Experten und die Politik zur Diskussion. „Auch am Ende geht es um Gerechtigkeit. Wir brauchen eine gesicherte, langfristige Planung und Finanzierung, Versorgungsforschung und daraus abgeleitete zusätzliche Angebote und bessere Rahmenbedingungen für Pflegepersonal, damit der Berufsbereich attraktiver wird“, so AK-Direktor-Stellvertreterin Cornelia Schmidjell.

Die Hospiz- und Palliativversorgung wurden in Österreich erst Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts intensiver entwickelt. Sie sind für ein Lebensende in Würde unerlässlich - nach dem Leitgedanken der Hospizbewegung: Dem Leben werden damit nicht mehr Tage gegeben, aber den Tagen mehr Leben.

Eine wissenschaftliche Evaluierung des Tageshospizes in Salzburg zeigt, wie die Lebensqualität der schwer kranken Besucherinnen und Besucher stieg, Angehörige entlastet, soziale Integration erreicht und Selbständigkeit gefördert wurden. Auch weniger Krankenhausaufenthalte waren nötig. In den USA und Großbritannien konnte die Hospizbewegung solche Akzente schon früh setzen.

10 bis zu 20 Prozent brauchen Palliativversorgung

Im Sinn abgestufter Versorgung ist das nicht nur in den spezialisierten Einrichtungen, sondern auch in der Grundversorgung nötig. Zwar finden 80 bis 90 Prozent der Sterbefälle in der vertrauten, „normalen“ Umgebung statt. Aber 10 bis 20 Prozent der Menschen brauchen palliative Einrichtungen. Dieser Bedarf  kann in Salzburg derzeit nicht ausreichend abgedeckt werden.

Bei Betten auf Palliativstationen und Tageshospizplätzen erreicht das Land die Soll-Werte zu drei Vierteln. Bei stationärer Hospizbetreuung nur zu knapp 50 Prozent. Mangel herrscht auch in Salzburg vor allem an stationären Angeboten für Kinder (wobei es hier um eine überregionale Versorgung geht). Den mobilen Palliativ- und Hospizteams fehlt Personal.

Eines der Hauptprobleme: Es gibt noch keine zuverlässige, öffentliche Regelfinanzierung, sofern die Leistungen nicht in öffentlichen Krankenhäusern erbracht werden.

Knapp 35 Prozent der vorhandenen Leistungen müssen von den Trägern der Einrichtungen aus privaten Mitteln und Spenden aufgebracht werden. Im extramuralen Bereich fehlen 56,4 Prozent der nötigen Finanzmittel.

80 Interessierte diskutierten über „Palliative Care“

Die gesamthafte Planung und Finanzierung ist deshalb eine herausfordernde Aufgabe, weil die Regelungs- und Finanzierungskompetenz Bund, Land und Sozialversicherung fordert. Dazu kommt die Schnittstelle zwischen Sozial- und Gesundheitssystem. Auf diese grundsätzliche Problematik wiesen Sabine Pleschberger von der Gesundheit Österreich GmbH und Christof Eisl von der Hospiz-Bewegung Salzburg am Mittwoch bei der AK-Veranstaltung „Am Ende geht es um Gerechtigkeit – Perspektiven der Palliativ- und Hospizversorgung in Salzburg“ hin. Letztendlich solle Palliativ- und Hospizarbeit am Ende des Lebens auf allen Ebenen passieren. Über 80 Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, sich über die wissenschaftliche Perspektive von und den Versorgungsbedarf an „Palliative Care“ zu informieren.

Landeshauptmann-Stellvertreter Christian Stöckl, der Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin III der Salzburger Landeskliniken Richard Greil, SGKK-Obmann Andreas Huss, die Obfrau der Salzburger Hospizbewegung Maria Haidinger und AK-Direktor Stellvertreterin Cornelia Schmidjell stellten sich anschließend den Fragen von Moderatorin Elfriede Geiblinger und der Diskussion mit dem Publikum.

Langfristige Planung und mehr Finanzmittel sind gefragt

Cornelia Schmidjell stellte klar, dass es eine klare Empfehlung einer Enquete-Kommission des Österreichischen Parlaments aus dem Jahr 2015 für den Bereich Hospiz- und Palliativversorgung gebe. Diese sollte auch in Salzburg umgesetzt werden und dafür im Pflegefonds veranschlagtes Geld vom Land Salzburg abgeholt werden. Es brauche eine wissenschaftlich fundierte Bedarfserhebung und darauf aufbauende Planung des Ausbaus. Schmidjell wies auch auf sozioökonomische Aspekte hin: „Gesundheitschancen sind ganz wesentlich vom Bildungsniveau und Einkommen abhängig. Es muss vermutet werden, dass gerade Menschen, die weniger verdienen, entweder den Zugang zur Versorgung schwerer finden oder sich Angebote nicht leisten können. Gerade sozial Schwächere sind aber öfter von schweren Erkrankungen betroffen. Jeder und jede sollte die Möglichkeit einer professionellen Unterstützung haben. Deshalb ist eine sichere, öffentlich finanzierte Versorgung im Bereich ´palliative care´ Pflicht!“

Onkologe Richard Greil drängt ebenfalls auf einen Ausbau und auf vorausschauende Planung auf Basis des tatsächlichen Bedarfs. Die gegenwärtige Unterversorgung sei evident, weshalb er politisches Handeln in diesem wichtigen Versorgungsbereich fordert. Eine große Herausforderung seien auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hospiz- und Palliativbereich. Man müsse das bestehende Personal gesund im System halten und mehr Pflegekräfte gewinnen. Außerdem muss mit neuen Konzepten auf den gesellschaftlichen Wandel reagiert werden (Work – Life – Balance, Ausbau der Kinderbetreuung, Wertschätzung).

Professionelles Personal und gute Rahmenbedingungen nötig

Die Ärztin und ehemalige Landesrätin Maria Haidinger kritisierte, dass sich der Bedarf österreichweit schon lange abzeichne aber immer wieder ignoriert worden sei. Ausnahmen bestätigen die Regel: Das Tageshospiz Salzburg würde es etwa ohne ein gemeinsames Vorgehen über Parteigrenzen hinweg in dieser Form nicht geben. Auch weil sich viele gut geschulte Ehrenamtliche in der Hospiz-Bewegung engagierten, brauche es insgesamt bessere Rahmenbedingungen, denn der Bereich sei für viele, die dort arbeiteten, eine Grenzerfahrung. Einig war sich das Podium, dass ehrenamtliche Arbeit eine sinnvolle und besonders wertvolle Ergänzung in diesem Bereich ist, aber auf einem professionellen Fundament, das öffentlich und solidarisch finanziert ist, stehen muss.

Andreas Huss betonte, dass die Sozialversicherung die Empfehlungen der Enquete-Kommission Ernst nehme und diese auch umsetzen werde. Im Regionalen Strukturplan Gesundheit gebe es in Zukunft erstmals Vorkehrungen für den niedergelassenen Bereich und auch für die Palliativ- und Hospizversorgung.

Gesundheitsreferent Christian Stöckl würdigte die gute Zusammenarbeit des Landes mit SGKK, Caritas und Hospiz-Bewegung. Der Pflegefonds sei in den Finanzausgleichsverhandlungen aufgestockt worden. Salzburg stünden jetzt bis 2020 jährlich 1,16 Millionen für den Ausbau des Bereichs zur Verfügung.

In der Diskussion mit dem Publikum ging es vor allem um mehr finanzielle und gesellschaftliche Wertschätzung der dort Arbeitenden und um Personalmangel im Pflege- und ärztlichen Bereich. „Unsere Veranstaltung hat gezeigt, dass noch viel zu tun ist. Es braucht auch Maßnahmen, um die Berufe attraktiver zu machen. Zudem Bewusstseinsbildung für Hospiz- und Palliativversorgung bereits in der Ausbildung und der Gesellschaft als Ganzes“, sagt Michaela Fischer, die Gesundheitsreferentin der AK Salzburg und Organisatorin von „Am Ende geht es um Gerechtigkeit“.

  

Das fordert die AK für Salzburg im Bereich Palliativ- und Hospizversorgung:

  • Unverzügliches Abholen der zusätzlichen im Pflegefonds zur Verfügung stehenden Mittel. Sie müssen für einen strukturierten Ausbau der Palliativ – und Hospizversorgung eingesetzt werden.
  • Erhöhen des öffentlichen Finanzierungsanteiles der bestehenden Angebote im  Land Salzburg – im ersten Schritt zumindest auf Niveau des Bundesdurchschnitts.
  • Eine gesicherte, zwischen Land, Bund und SV abgestimmte Regelfinanzierung für alle Angebote der Hospiz- und Palliativversorgung.
  • Flächendeckender Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche
  • Langfristig einen Rechtsanspruch auf Hospiz- und Palliativbetreuung
  • Eine umfassende Integration von Hospizkultur und Palliative Care in die Grundversorgung: Senioren- und Pflegeeinrichtungen, Tageseinrichtungen, Hauskrankenpflege, Krankenhäuser, Einrichtungen für Kinder- und Jugendheilkunde und Versorgungseinrichtungen für Menschen mit Behinderung.
  • Sicherstellen einer geeigneten Aus- und Weiterbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Gesundheits-, Betreuungs- und Pflegeberufe.

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