19.9.2017
Drucken
Zu Merkzettel hinzufügen

AK zur Wiedereingliederungsteilzeit

Seit 1. Juli 2017 gilt das neue Gesetz zur Wiedereingliederungsteilzeit für eine schrittweise Rückkehr in den Job nach langer Krankheit. AK, ÖGB und SGKK haben in einer eigenen Veranstaltung eine Zwischenbilanz zur Praxistauglichkeit dieser neuen Bestimmung gezogen. Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitsbereich waren sich einig: Trotz positiver Erfahrungen gibt es noch einiges nachzubessern. So fordern AK und ÖGB etwa einen Rechtsanspruch auf Wiedereingliederungsteilzeit sowie eine Verpflichtung des Arbeitgebers, auch die Arbeitsbedingungen dementsprechend zu gestalten.   

Für Beschäftigte, die lange krank waren, besteht seit 1. Juli 2017 die Möglichkeit auf die so genannte Wiedereingliederungsteilzeit (WIETZ). Damit soll den Betroffenen ein schrittweiser Wiedereinstieg – statt sofort von 0 auf 100 – mittels reduzierter Arbeitszeit ermöglicht werden. Denn ein sofortiger, voller Wiedereinstieg ist nicht immer möglich und sinnvoll – besteht doch die Gefahr eines Rückfalles und damit ein Folgekrankenstand oder gar ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben.

Hartnäckigkeit von AK und ÖGB hat Wirkung gezeigt

„Arbeiterkammer und Gewerkschaften haben stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Beschäftigten“, so AK-Präsident Siegfried Pichler, „und wo der Schuh drückt, versuchen wir Verbesserungen zu erwirken.“ Wie eben auch beim Thema Wiedereingliederungsteilzeit. Viele Jahre lang hat die AK etwa durch Anträge bei der Kammervollversammlung Druck auf die Politik ausgeübt, um endlich eine für alle zufriedenstellende Lösung zur Wiedereingliederung nach Krankheit in den Job zu finden. Und diese Hartnäckigkeit hat sich jetzt mit dem WIETZ-Gesetz bezahlt gemacht.   

„Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass es nach langer schwerer Krankheit kaum möglich ist, sofort und voll wieder in den Beruf einzusteigen“, sind sich Pichler und AK-Direktor Stellvertreterin Cornelia Schmidjell einig, „deshalb freuen wir uns umso mehr für die Beschäftigten, dass mit diesem Gesetz ein wichtiger und großer Schritt in die richtige Richtung erfolgt ist.“ 

Die WIETZ kann betroffenen Arbeitnehmern die Angst vor krankheitsbedingtem Jobverlust nehmen. Außerdem wird ein längerer Verbleib im Berufsleben gefördert, was letztlich positive Auswirkungen auf unseren Wohlfahrtsstaat hat, indem etwa Invaliditätspensionen und andere Folgekosten reduziert werden.

Großer informationsbedarf – AK und ÖGB informieren

Die Nachfragen zu diesem Gesetz an die Sozialpolitische Abteilung der Arbeiterkammer sind zahlreich. Deshalb haben AK, ÖGB und Gebietskrankenkasse gestern, am 18. September 2017, in der AK mit der Veranstaltung „Wiedereingliederungsteilzeit und Betriebliches Eingliederungsmanagement“ darauf reagiert. Der Zuspruch war gewaltig – über 100 Besucherinnen und Besucher nutzten die Möglichkeit, sich von Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitsbereich über die ersten Erfahrungen mit diesem Gesetz informieren zu lassen. 

Das Grundproblem aus Sicht von AK und ÖGB: Es besteht laut derzeitiger Rechtslage kein Rechtsanspruch, d.h., es bedarf unter anderem der Zustimmung des Arbeitgebers.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Birgit Schrattbauer von der Uni Salzburg startete den inhaltlichen Teil mit den rechtlichen Rahmenbedingungen. Beschäftigte, deren Dienstverhältnis seit mindestens drei Monaten aufrecht ist, können nach einem mindestens sechswöchigen Krankenstand in reduzierter Arbeitszeit (50 – 75 Prozent) wieder schrittweise in den Arbeitsalltag zurückkehren. Die WIETZ kann für eine Dauer von einem bis maximal sechs Monaten vereinbart werden.

Notwendig ist neben der Vereinbarung mit dem Arbeitgeber ein Beratungsgespräch durch „fit2work“ (Projekt der Gebietskrankenkassen mit Unterstützung aus EU-Mitteln) und die Erstellung eines Wiedereingliederungsplans. Bewilligt wird die Vereinbarung vom chefärztlichen Dienst des zuständigen Krankenversicherungsträgers. 

Für die Dauer der WIETZ erhält der Arbeitnehmer neben dem reduzierten Entgelt ein Wiedereingliederungsgeld vom zuständigen Krankenversicherungsträger in Höhe des anteiligen Krankengeldes. Das bedeutet: Wurde die Arbeitszeit etwa von bisher 40 auf 20 Stunden reduziert, so erhält die Person 50 Prozent des vorherigen Gehalts plus 50 Prozent des erhöhten Krankengeldes. 

Kritisch äußerte sich die Arbeits- und Sozialrechtsexpertin dahingehend, dass der Gesetzgeber nicht eindeutig geregelt hat, ob die WIETZ - so wie derzeit angenommen - unmittelbar an den Krankenstand anschließen muss. Das hat zur Folge, dass die Vereinbarung mit dem Dienstgeber de facto während des Krankenstandes des Mitarbeiters geschlossen werden muss. Außerdem gibt es keine WIETZ-Regelung für kürzere, aber häufige Krankenstände. Beispiel psychische, bzw. psychosomatische Erkrankungen. 

Erste Erfahrungen – die WIETZ im Praxistest

Ortrud Gräf, Arbeitsmedizinerin beim Arbeitsmedizinischen Dienst Salzburg, bewertete die WIETZ durchwegs positiv, ortet aber vor allem bei den Hausärzten – die für Gesundschreibungen am Ende der WIETZ verantwortlich sind – noch großen Informationsbedarf über das neue Gesetz. 

Auch Peter Grüner, Chefarzt bei der SGKK, berichtete über erste Erfahrungen mit der WIETZ. Seine bisherige Bilanz: Bis dato haben hauptsächlich Beschäftigte mit guten Einkommen WIETZ-Anträge gestellt. Auffallend ist auch die geografische Verteilung – der Großteil der Anträge stammt von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus dem Zentralraum, also Stadt Salzburg und Flachgau. Und: Die meisten Antragstellerinnen und –steller leiden an neurologischen Erkrankungen. Grüner zog ein positives Resümee – für ihn ist die WIETZ ein wichtiger und richtiger Schritt. Was die Treffsicherheit betrifft, bzw. wie erfolgreich die Rückkehr der Betroffenen in ihre Jobs sein wird, bleibt allerdings abzuwarten. 

AK und ÖGB: Nachbesserungen erforderlich

Wo Nachbesserungen aus Sicht von Arbeiterkammer und Gewerkschaft erforderlich sind, beschreibt Michaela Fischer, AK-Referentin für Gesundheitspolitik: „Sowohl was den Rechtsanspruch, als auch die genauere Formulierung der Rahmenbedingungen und Kriterien betrifft, muss der Gesetzgeber nachschärfen.“ 

Es muss eindeutig geregelt werden, dass die WIETZ nicht unmittelbar an den Krankenstand anschließen muss. Denn viele Betroffene versuchen, vorerst in Vollzeit wiedereinzusteigen und merken erst danach, dass ihnen das zu viel ist. Das Ergebnis wäre, dass sie erneut sechs Wochen im Krankenstand sein müssen, um eine Wiedereingliederungsteilzeit vereinbaren zu können. Das System ist daher zu unflexibel. 

Ein weiterer Kritikpunkt: Es gibt keine Verpflichtung für Unternehmen, die Arbeitsbedingungen dementsprechend anzupassen. „Genau das wird aber aus Sicht der Forschung als maßgeblicher Erfolgsfaktor bei der Wiedereingliederung gesehen“, erklärt Fischer, „nur eine Änderung des Arbeitszeitausmaßes ist unserer Meinung nach zu wenig.“ 

Und es ist nicht klar, ob und in welcher Form eine Begleitung der Betroffenen erfolgt. Meist braucht es neben der WIETZ weitere Maßnahmen (wie Rehabilitation, Umschulung, Qualifizierung etc).

      Facebook-Funktion aktivieren

      Drucken
      Zu Merkzettel hinzufügen
      TeilenZu Merkzettel hinzufügen

      Verwandte Links

      Zum Seitenanfang
      Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
      Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen dazu sowie welche Daten wir wie lange speichern, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen.
      OK