22.1.2018
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Mehr Beschäftigung, Arbeitslosigkeit sinkt, aber: Baustellen bleiben

2017 hat sich der Arbeitsmarkt weiter erholt, bereits seit 2 Jahren sinkt die Arbeitslosigkeit – diesmal um 3,9 Prozent. Die Beschäftigung ist insgesamt um 1,7 Prozent gestiegen. Aber die alten Baustellen bleiben: Die „Sorgenkinder“ heißen nach wie vor ältere Arbeitnehmer, Beschäftigte mit gesundheitlichen Problemen und Langzeitarbeitslose. Dort steigt die Arbeitslosigkeit weiter an. Gerade vor diesem Hintergrund die Aktion “20.000“ abzudrehen, ist für AK-Präsident Siegfried Pichler das falsche Signal: „Statt die Menschen zu verunsichern, muss die Politik Beschäftigung schaffen - aktive Arbeitsmarktpolitik ist gefragt“, und fordert: „Nutzen wir doch die derzeit positive wirtschaftliche Lage und investieren in Qualifizierungsmaßnahmen in jenen Bereichen, wo die gute Konjunktur nicht ankommt!“

Am Salzburger Arbeitsmarkt war im Jahr 2017 viel Positives zu bemerken: Die Arbeitslosigkeit ist um 3,9 Prozent (oder 576 Personen) zurückgegangen und die Beschäftigung ist weiter gestiegen – um 1,7 Prozent. Das sind um 4.208 Arbeitsplätze mehr als im Jahr davor. Für die Salzburger Arbeiterkammer ist das aber noch kein Grund in Jubel auszubrechen, denn derzeit gibt es immer noch um etwa ein Drittel (rund 5.000) mehr Arbeitslose als vor der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Und: In den Problembereichen steigt die Arbeitslosigkeit weiter an – und das teils drastisch.

Bei „Sorgenkindern“ kommt gute Konjunktur nicht an

Zwar ist die Arbeitslosigkeit insgesamt gesunken, die Langzeitarbeitslosigkeit allerdings weiter angestiegen: 2017 waren um 179 (+16,6 Prozent) mehr Personen länger als ein Jahr arbeitslos als im Jahr davor. Übrigens: Knapp 2 Drittel der Salzburger Langzeitarbeitslosen sind über 50 Jahre alt.

Noch deutlicher zeigen sich die Schwierigkeiten nach langer Arbeitslosigkeit wieder ein Job zu finden, bei einem Blick auf die Langzeitbeschäftigungslosen (das sind jene, die länger als ein Jahr arbeitslos oder in Schulung beim AMS waren, wobei kurze Arbeitsaufnahmen oder Schulungen den Status nicht unterbrechen). 2017 waren in Salzburg 2.758 der Arbeitslosen langzeitbeschäftigungslos. Auch bei jenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die gesundheitliche Probleme haben (aber arbeitsfähig sind), ist die Arbeitslosigkeit nach oben gegangen: Und zwar um 136 Personen (oder 4,4 Prozent) auf nun insgesamt 3.253 Menschen.

AK: Abschaffung der Aktion „20.000“ überdenken  

In Salzburg hat sich in ein „Stock“ von fast 1.400 langzeitarbeitslosen Menschen, die älter als 50 Jahre alt sind, aufgebaut. „Die Aktion 20.000 hat dieser Gruppe, die am Arbeitsmarkt große Probleme hat wieder Fuß zu fassen, eine neue Chance gegeben“, so AK-Präsident Siegfried Pichler, „die Abschaffung ist daher der komplett falsche Schritt.“

Wie wichtig die Aktion 20.000 ist, zeigt der Blick in den Pongau: In dieser Modellregion der Aktion wurden bis dato 50 (von ursprünglich 40 geplanten) Stellen besetzt. Landesweit sollten sogar mehr als 500 Langzeitarbeitslose einen Job bekommen. Laut Zwischenbericht des Sozialministeriums konnten in 8 von 11 Modellregionen der Beschäftigungsaktion 20.000 der bislang beobachtete Trend zum Anwachsen der Langzeitbeschäftigungslosigkeit Älterer gestoppt werden.

In der Modellregion Pongau wird der Effekt dieser Aktion ebenfalls deutlich: Mit Jahresende 2017 sank im Pongau die Zahl der Langzeitarbeitslosen um 22,3 Prozent (oder um 27 Personen).

Somit hat sich die Aktion „20.000“ im Bundesland Salzburg mit Jahresende 2017 mit 24 langzeitarbeitslosen Personen über 50 Jahre weniger (oder minus 1,7 Prozent) deutlich bemerkbar gemacht. 

Pichler: „Arbeit statt Verunsicherung schaffen“

Wenig anfangen kann Pichler mit den Plänen der Regierung, was die geplante Neuregelung beim Arbeitslosengeld sowie dessen Versicherungsbeiträgen betrifft. Für die Arbeiterkammer ist es ein Hohn und unwürdig, wenn ältere Arbeitnehmer, die oft jahrzehntelang in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt haben, um eben im Falle des Falles dagegen versichert und damit geschützt zu sein, nun vielleicht ihr Erspartes verlieren und gezwungen werden, mit der Mindestsicherung auszukommen.

Überlegungen in Richtung „Hartz IV“ lehnt Pichler ab: „Es ist zynisch, die Zugangsbestimmungen zum Arbeitslosengeld verschärfen zu wollen, wen man bedenkt, dass in Salzburg auf 3 Arbeitssuchende gerade einmal 1 offene Stelle kommt. “ Denn den fast 17.000 Arbeitslosen und Schulungsteilnehmern stehen 5.424 sofort verfügbare offene Stellen gegenüber.

„Vorschlägen, die Geringverdiener entlasten sollen, steht die Arbeiterkammer ja nicht negativ gegenüber“, so der AK-Präsident, „aber die freigewordenen Beträge dürfen weder der Arbeitslosenversicherung entzogen werden, noch die Menschen schlechterstellen. Das Geld muss im System bleiben und weiter für Arbeitsmarktpolitik zur Verfügung stehen.“

Notstandshilfe-Bezieher liegen nicht in der „Hängematte“

Der AK-Präsident zur Polemik „Die Notstandshilfe lädt zum Hängemattenliegen ein, weil die Bezieher dann keinen Anreiz mehr für eine Beschäftigung sehen: „Wer Notstandshilfe bezieht, liegt keineswegs auf der faulen Haut oder in einer sozialen Hängematte“, stellt Pichler klar, „die durchschnittliche Höhe der Notstandshilfe beträgt 792 Euro bei Männern und 654 Euro bei Frauen – das ist weniger als die Mindestsicherung. Wie man es sich mit einem solchen Betrag im nicht gerade billigen Salzburg gemütlich machen soll, das möchte ich einmal erklärt bekommen.“  

Abgesehen davon ist der Notstandsbezug keine Dauerlösung, bzw. keine Leistung, von der die Bezieherinnen und Bezieher jahrelang leben. Laut Daten des Arbeitsmarktservice ist mehr als die Hälfte der zurzeit Notstandshilfebeziehenden seit weniger als einem halben Jahr auf diese Unterstützung angewiesen. Lediglich ein Viertel ist seit länger als einem Jahr in einer Notsituation.

Bezieherinnen und Bezieher von Notstandshilfe – darunter eben die steigende Zahl der Langzeitarbeitslosen - in die Mindestsicherung zu überführen, ist für den AK-Präsidenten kontraproduktiv: „Nicht nur, dass die Betroffenen dann um ihren Besitz (Auto, Sparbuch, Haus oder Wohnung) umfallen. Außerdem werden jene Zeiten dann auch nicht mehr für die Pension angerechnet, was für die Dauer des Notstandshilfebezuges ja der Fall ist. Selbst wenn die Betroffenen wieder einen Arbeitsplatz finden, droht später die Altersarmutsfalle.“

Pichler: „Die anziehende Konjunktur und der anhaltende Aufschwung machen sich am Arbeitsmarkt eben nicht bei allen bemerkbar. Deshalb braucht es aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für Problemgruppen, wie eben bei den Langzeitarbeitslosen. Wir fordern, dass die durch die angekündigten Veränderungen frei werdenden Budgetmittel in den weiteren Ausbau des Fachkräftestipendiums und Schaffung eines Qualifizierungsgeldes gesteckt werden.“

Arbeitsvolumen gestiegen – Arbeitszeit gerecht verteilen

Laut aktuellsten Daten der Statistik Austria entstanden gegenüber dem Vorjahr wieder vermehrt Vollzeitarbeitsplätze, erfreulicherweise viele im Produktionssektor. Das gesamte Arbeitsvolumen in Österreich betrug im Jahr 2016 (aktuellste Daten der Statistik Austria) 6,9 Milliarden Stunden. Gegenüber 2015 kam es sowohl bei Vollzeit (+112,4 Millionen Stunden oder +2 Prozent), als auch bei der Teilzeit (+44,9 Millionen Stunden oder +4,3 Prozent) zu Zuwächsen.

„Gepaart mit dem bekannten Umstand, dass in Österreich jährlich rund 250 Millionen Überstunden geleistet werden – davon etwa ein Fünftel unbezahlt – darf auch eine gerechte Verteilung der Arbeit, etwa in Form einer Arbeitszeitverkürzung, kein Tabu sein“, gibt Pichler zu bedenken.

Mehr faire statt prekäre Arbeitsplätze

Auch wenn die Zahl der Vollzeitjobs wie gesagt wieder im Steigen begriffen ist, bleibt die Tatsache, dass der größte Teil des Beschäftigungswachstums der letzten Jahre auf einem Zuwachs von Teilzeitarbeit begründet ist. Gleichzeitig ist auch die Zahl der befristeten und atypischen Beschäftigungsverhältnisse gestiegen. Mit den bekannten Effekten: Nur jeder zweite Salzburger arbeitet das ganze Jahr Vollzeit und über 100.000 Salzburger Beschäftigte (35,2 Prozent) verdienen monatlich weniger als 1.000 Euro netto.

Aus diesem Grund haben Expertinnen und Experten der AK das Projekt „Prekäre Arbeit in Salzburg. Wo stehen wir, wohin gehen wir?“ ins Leben gerufen. Die Präsentation dieser Aktion findet am 6.2. 2018 in der AK statt. Dabei werden 11 Maßnahmen für gute und faire Arbeit im Bundesland Salzburg vorgestellt: Angefangen vom Ausbau des Bildungsbereiches etwa durch das AK Chancen-Index-Modell oder mehr Kinderbetreuungsplätze, über Impulse für die Arbeitswelt wie beispielsweise Verbesserungen für Beschäftigte in der Prekariatshochburg Tourismus bis hin zum Dienstleistungsbereich, wo etwa mehr Beratung und Unterstützung für neue Selbstständige vorgeschlagen wird.

Lehrstellenmarkt zwiespältig

Die Ansicht, dass am Salzburger Lehrstellenmarkt eitel Wonne herrscht, kann Pichler nicht nachvollziehen. Zwar stehen 1 Lehrstellensuchenden in absoluten Zahlen rund 2 offene Lehrstellen gegenüber, allerdings sind 388 der offenen Lehrstellen im Tourismus zu finden. „Bei so vielen offenen Lehrstellen in einer Sparte muss man sich schon fragen, warum diese nicht besetzt werden können – das sagt doch einiges über die momentane Attraktivität dieser Branche aus“, so der AK-Präsident.

Ausländerbeschäftigung gestiegen

Die Zahl der in Salzburg beschäftigten Ausländer (inkl. EU-Bürger) ist im Jahresdurchschnitt 2017 um 2.990 Personen höher als im Vorjahr. Gemessen an der Gesamtbeschäftigung ist die Zahl der ausländischen Beschäftigten deutlich stärker gewachsen, nämlich um 5,9 Prozent, als jene der beschäftigten Inländer mit plus 1.327 oder +0,7 Prozent.

Besonders bemerkbar macht sich diese Entwicklung im Tourismus, wo seit einigen Jahren der Ausländeranteil sowohl in der Winter- als auch in der Sommersaison deutlich über 50 Prozent liegt – Tendenz weiter steigend.

Angesichts der sich zwar erholenden, aber insgesamt noch nicht zufriedenstellenden Situation am Arbeitsmarkt, befürwortet die AK die Beibehaltung der Übergangsfristen für Kroatien.

Mehr ausbilden statt Köche auf die Mangelberufsliste

Apropos Tourismus: Nach Meinung der AK kann man keinesfalls von einem österreichweiten Personalmangel in der Küche sprechen. Wenn, dann von einem lokalen Mangel in einigen Tourismusorten zu ganz bestimmten Zeiten. Geboten werden hier allerdings meist keine Ganzjahresstellen, sondern Saisonstellen, die weniger attraktiv sind. „Hier sind Mängel zu bestimmtem Zeiten aber auch hausgemacht“, sagt Pichler, „denn die Zahl der Ausbildungsbetriebe ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen.“

Gab es im Bundesland Salzburg im Jahr 2007 noch 596 Betriebe in Tourismus- und Freizeitwirtschaft, die ausgebildet haben, so waren es im Jahr 2016 nur mehr 381Unternehmen.

Mehr kann Pichler dem Vorschlag einer Reform der Mangelberufsliste – nach deutschem Vorbild - abgewinnen. Dort werden nämlich auch gewisse Qualitätskriterien berücksichtigt, etwa ob die Löhne steigen und ob in der Branche mehr Lehrlinge ausgebildet werden. Nur wenn beides zutrifft und Jobangebote trotzdem monatelang offen bleiben, spricht man von einem Fachkräftemangel. Erst dann sollte nach Meinung des AK-Präsidenten eine Regionalisierung erfolgen.

Österreichweit standen im Jahresdurchschnitt 2017 exakt 6.709 sofort verfügbare arbeitslose Köche 2.196 sofort verfügbaren offenen Stellen gegenüber. Auf eine offene Stelle als Koch kommen also  3,1 arbeitslose Köche (Stellenandrangsziffer). Ab einer Stellenandrangsziffer unter 1,5 werden diese Berufe in die Mangelberufsliste aufgenommen. In Salzburg stehen 499 arbeitslosen Köche 322 offenen Stellen gegenüber: Stellenandrangsziffer: 1,6

Selbst in Tirol und Salzburg (die Bundesländer mit den niedrigsten Stellenandrangsziffern) werden im Durchschnitt die 1,5 nicht unterschritten. 

Die aktuellen Regelungen erlauben es bereits jetzt, für Fachkräfte aus Drittstaaten (auch Köche) eine Arbeitsbewilligung  - die so genannte Rot-Weiß-Rot-Card für sonstige Arbeitskräfte - zu bekommen. Neben anderen Kriterien muss den Beschäftigten dabei ein Mindestbruttogehalt von 2.565 Euro (Hälfte der Höchstbemessungsgrundlage) bezahlt werden. Pichler: „Bei einem solchen Gehalt wäre die Diskussion über die Mangelberufsliste obsolet.“

Wenig hilfreich erscheint in diesem Zusammenhang auch das Vorhaben der neuen Regierung, die Ruhezeiten der Beschäftigten im Tourismus zu verkürzen. Pichler: „Unser Arbeitsklima-Index zeigt, dass bereits jetzt viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über zahlreiche Überstunden und viel Wochenend- und Feiertagseinsätze klagen. Noch weniger Regenerationszeit wird weder dazu beitragen, die hohe Drop-out-Rate in dieser Branche zu senken, noch (junge) Menschen für dieses Berufsbild zu begeistern.“  

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