28.4.2014
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Wirtschaft schadet sich mit 12-Stunden-Tag selbst

In Österreich leistet der durchschnittliche Vollzeit-Beschäftigte 44,2 Stunden Arbeit – weit mehr als der EU-Schnitt. Und trotzdem fordert die Wirtschaft, man muss gesetzlich noch länger arbeiten können. Zu lange Arbeitszeiten sind schädlich. Für die Arbeitnehmer, die Gesellschaft und die Unternehmen. Das zeigten Experten auf der AK-Tagung „Arbeitszeit und Gesundheit“. AK-Präsident Siegfried Pichler: „Langes Arbeiten hat negative Konsequenzen. Das können die Verfechter nicht mehr ignorieren. Die Forschung gehört stärker in die Diskussion einbezogen!“

Die Diskussion um längere Arbeitszeiten ist in aller Munde. Die AK Salzburg behandelte das Thema jetzt aus verschiedenen Perspektiven, spannte einen breiten Bogen um verschiedene Aspekte der Gestaltung von Arbeitszeit. Ein Fazit der AK-Tagung "Arbeitszeit und Gesundheit", die über 100 Interessierte besuchten ist klar: Die Wirtschaft sollte erst einmal schauen, was sie sich mit längeren Arbeitszeiten selber antut. Denn die Forderung, immer länger zu arbeiten läuft den Erkenntnissen der Arbeitszeitwissenschaft klar entgegen. Jörg Flecker, Soziologe an der Universität Wien und Vorstandsvorsitzender der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) stellte fest, dass in Österreich im europäischen Vergleich schon jetzt auf stabilem Niveau relativ lange gearbeitet wird. 32 Prozent der Männer und 41 Prozent der Frauen würden trotz Gehaltseinbußen gerne kürzer arbeiten – und zwar ganze elf Stunden. Maßnahmen wie der geplante 12-Stunden-Tag und All-in-Verträge sind da purer Hohn. Sie verschieben die Grenze zwischen Ausnahme und Normalität. Das führt zu noch längeren Arbeitszeiten. Denn mindestens genauso wichtig wie die Gesetzeslage ist, welche Arbeitszeiten gesellschaftlich akzeptiert sind. 

350 Millionen Überstunden im Jahr

Ein durchschnittlicher vollzeitbeschäftigter Mann in Österreich arbeitet 44,2 Stunden pro Woche, vier von zehn Männern teilweise mehr als zehn Stunden am Tag. Eine durchschnittliche vollzeitbeschäftigte Frau arbeitet 42,2 Stunden pro Woche, ein Viertel der Frauen teilweise mehr als zehn Stunden am Tag. So kommen über 350 Millionen Überstunden im Jahr zusammen, 70 Millionen davon laut WIFO unbezahlt. 209.000 Österreicherinnen und Österreicher leisten mehr als zehn Überstunden pro Woche. Ähnlich schaut es beim All-in aus: Rund ein Fünftel aller Arbeitnehmer hat bereits einen solchen Vertrag. Bei den Führungskräften sind es 54,6 Prozent. Aber auch jede zehnte Hilfskraft und fast ein Fünftel der Bürokräfte hat einen All-in Arbeitsvertrag unterschrieben. Das sind Gruppen, für die diese Konstruktion eigentlich gar nicht gedacht war. Als Folge dehnen sich die Arbeitszeiten aus und können schlechter kontrolliert werden. 

Flexibilität meint meist nur die Flexibilität der Betriebe

Entscheidend für eine Mehrbelastung oder Entlastung der Arbeitnehmer ist, wer die Arbeitszeit tatsächlich bestimmt: Arbeitgeber oder Beschäftigte.  2010 waren 53 Prozent der Arbeitszeit in Österreich ausschließlich vom Betrieb bestimmt – fünf Prozent mehr als 2005. Die selbstbestimmte Arbeitszeit nimmt dagegen ab. 90 Prozent der Schwankungen in der Arbeitszeit sind durch betriebliche Notwendigkeit bedingt. Im Schichtdienst steigt der Druck zur Flexibilisierung bei knapper Personalbesetzung noch weiter. Dienstpläne halten dann oft nicht – es kommt zur schleichenden Arbeitszeit-Verlängerung. 

Der Lohnanteil sinkt - die Gewinne steigen

Und das alles bei einer ständig sinkenden Lohnquote in Österreich. Das bedeutet, dass der Anteil der Arbeitseinkommen am Bruttoinlandsprodukt sinkt. „Produktivitätssteigerungen fließen nicht in die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit oder in Arbeitszeitverkürzung sondern in Gewinne“, urteilt Jörg Flecker. Österreich habe lange Arbeitszeiten und könnte diese verkürzen, um in den europäischen Durchschnitt hineinzukommen. In Deutschland werde zum Beispiel gerade eine Elternvollzeit von 32 Stunden in den Jahren der Kinderbetreuung diskutiert.

Lange und nicht selbstbestimmte Arbeitszeiten machen krank

Friedhelm Nachreiner von der Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung betonte das Verhältnis von Arbeitszeit zu Arbeitseffektivität und Arbeitsschutz beziehungsweise sozialer Teilhabe. Heutzutage würden alte Muster der Erholung aufgegeben. Nur noch 15 bis 25 Prozent der Menschen in der EU arbeiten in der Normalarbeitszeit. Dabei steigt das Unfallrisiko nach acht Arbeitsstunden exponentiell. Die Arbeitseffizienz sinkt schon nach sieben Stunden. Bei 60 Stunden pro Woche oder Wochenendarbeit ist das Risiko für psychovegetative Beschwerden wie Schlaf- Verdauungs- und Kreislaufstörungen um das Vierfache erhöht. Selbst auf die Schulleistung der Kinder können sich die Arbeitszeiten auswirken – ganz zu schweigen vom sozialen Miteinander an sich. 

Erkenntnisse der Wissenschaft berücksichtigen

„Es geht nicht nur um Gesetzeskonformität der Arbeitszeiten und um Gesetzesänderungen. Es geht um die Berücksichtigung arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse“, so Nachreiner. Mitarbeiterfreundliche Gleitzeitmodelle schnitten zum Beispiel in mehreren Befragungen positiv ab. Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability betonte dazu, dass Arbeitgeber der jungen Generation zwar auch Sicherheit aber vor allem Mitarbeiterfreundlichkeit bieten müssten, um interessant zu sein. In Zukunft werden Unternehmen viel stärker um Mitarbeiter kämpfen, weil einerseits das Arbeitskräftepotenzial knapper wird, andererseits aber die Wahlmöglichkeiten der Arbeitnehmer steigen. 

Folgekosten berücksichtigen und die Diskussion fördern

„Das Gesundheits- und Pensionssystem bleibt nur dann finanzierbar, wenn bei der Arbeitszeit nicht in die falsche Richtung verlängert wird. Produktivitätsgewinne müssen auch in eine Verkürzung der Arbeitszeit einfließen!“, sagte Cornelia Schmidjell, die Leiterin der sozialpolitischen Abteilung der AK bei der Veranstaltung. AK-Präsident Siegfried Pichler: „Die Arbeitszeit ist für uns als Interessenvertretung der Arbeitnehmer immer ein Thema. Meilensteine wie die 40-Stunden-Woche mussten damals hart erkämpft werden. Sie dürfen jetzt nicht einfach aufgegeben werden. Schließlich geht es auch um soziale Gerechtigkeit. Flexibilität darf nicht immer nur Flexibilität für die Betriebe bedeuten.“ Die AK erwartet von den Unternehmen, dass diese die wissenschaftliche Faktenlage berücksichtigen und nicht einfach immer nur nach längeren Arbeitszeiten rufen. Schließlich sind die Arbeitszeiten in Österreich schon jetzt eher lang. „Es braucht deshalb gerade zu Arbeitszeiten und Arbeitsverteilung noch mehr Forschung und Diskussionen. Vor allem dürfen die enormen gesundheitlichen Folgekosten von längeren Arbeitszeiten nicht länger ignoriert werden“, so Pichler. Dazu passt eine Aussage von Johannes Gärtner, der auf der Tagung „Arbeitszeit und Gesundheit“ Best-Practice-Modelle der Arbeitszeitgestaltung vorstellte: „Die Arbeitszeiten bleiben eine Schlüsselfrage. Hohe Arbeitszeiten und gute Arbeitszeiten sind ein Widerspruch.“

Rückblicke

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