Salzburger Zukunftsforscher bauen Brücke zwischen Theorie und Praxis

Das AK-geförderte Projekt ist ehrgeizig und visionär, aber dringend notwendig. Gemeinsam mit dem AMD Salzburg - Zentrum für gesundes Arbeiten bereitet das Zentrum für Zukunftsstudien (ZfZ) an der Salzburger Fachhochschule in Urstein den Boden, auf dem Salzburger Betriebe und Unternehmen eine alternsgerechte Arbeitswelt realistisch entwickeln können.

AK-Direktor Gerhard Schmidt: „Die Wirtschaftskrise mag vordergründig gegen Innovationen sprechen - man hat vermeintlich andere Sorgen – sie ist aber gerade auch die Chance für die Wirtschaft, zukunftsorientiert zu handeln.“

Immer mehr ältere Menschen

Die demographischen Fakten unserer alternden Gesellschaft sind unbestritten: immer mehr Älteren stehen immer weniger Jüngere gegenüber. Eine längere Lebensarbeitszeit ist unvermeidbar, allerdings sind schon jetzt 50% aller Erkrankungen berufsbedingt. Die moderne Arbeitswelt ist zunehmend von Stress, Zeitdruck und immer komplexeren Arbeitsabläufen gekennzeichnet. Individuelle Überforderung und neue Gesundheitsrisiken sind die Folge.

AK-Direktor Gerhard Schmidt: „ Wenn sich nichts spürbar ändert, birgt diese Kombination das Risiko eines erheblichen Anstiegs nicht mehr ausreichend arbeitsfähiger Menschen in sich.“ Und das führe unausweichlich, so Schmidt, einerseits zu einem steigenden Armutsrisiko in der Bevölkerung und andererseits zum Rückgang der Produktivität und Innovationskraft in den Betrieben sowie einem Anstieg der Kosten auch in anderen Bereichen des Sozialsystems. Schmidt: „Es zahlt sich also für alle aus, in eine alternsgerechte Arbeitswelt zu investieren!“

Kluft zwischen Forschung und Praxis überwinden

Tatsächlich ist das Thema „Alternsgerechtes Arbeiten“ in aller Munde, Fakten, Untersuchungen, Studien und Modelle dazu gibt es im Überfluss. Theoretisch sind sich alle einig – und scheitern aber an der Praxis. Genau hier setzen Reinhold Popp, Leiter des Zentrums, und sein engagiertes Team an.

Popp: „Unser Projekt, das mit der ersten Phase im November vorigen Jahres startete, soll dazu beitragen, wissenschaftliche Erkenntnisse des alternsgerechten Arbeitens in die Unternehmen und Betriebe in Salzburg hinzueintragen.“ Die oft unüberwindliche Kluft zwischen dem theoretischen Sachwissen der Forscher und dem Erfahrungswissen der Praktiker müsse gezielt überbrückt werden, betont Reinhold Popp

Projektleiter Dirk Steinbach ergänzt: „Gerade die Fülle an Sachwissen ist das Problem: wo soll man ansetzen, wie gelingt der erfolgreiche Schritt in die Praxis? Daher ist unser Part im Projekt zunächst die wissenschaftlich akribische Aufarbeitung und Sondierung des vorhandenen Wissens, um dieses letztlich fassbar in die Praxis zu transportieren. Wir wollen eine wirklich tragfähige Brücke zur Praxis bauen. Das ist ein ebenso spannender wie umfangreicher Prozess, der die Zusammenarbeit nicht nur auf betrieblicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene braucht.“

Was ist eine altersgerechte Arbeitswelt?

Zum näheren Verständnis: In einer alternsgerechten Arbeitswelt existiert ein gesellschaftliches und betriebliches Umfeld, das allen Gesellschaftsmitgliedern den Erhalt ihrer Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit bis ins Alter ermöglicht. Eine ganzheitliche Betrachtung - wie sie im Projekt angestrebt wird - erfordert die Ausweitung des noch vorherrschenden Blickwinkels in mindestens drei Richtungen:

  1. Eine alternsgerechte Arbeitswelt schließt neben der betrieblichen Ebene auch die gesellschaftliche Ebene und die private Lebenswelt ein.

  2. Alternsgerechtes Arbeiten beginnt nicht erst im Alter, sondern bereits in früheren Lebensphasen und erfordert:

  3. Maßnahmen in einer Vielzahl unterschiedlicher Handlungsfelder.

Erste Ergebnisse - und wie es weitergeht

In der ersten Projektphase wurden neben der Aufarbeitung des Forschungsstandes rund 20 Experten-Interviews geführt. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen:

  1. Eine alternsgerechte Arbeitswelt erfordert koordinierte Maßnahmen in mindestens sechs unterschiedlichen Handlungsfeldern:

    Werte & Einstellungen; Bildung & Wissen; Gesundheit & Gesundheitsförderung; Arbeitsorganisation & Arbeitsbedingungen; Sozialsystem & Arbeitsmarktpolitik; Zeitpolitik & Arbeitszeitsysteme

  2. Alle relevanten gesellschaftspolitischen Akteure in Salzburg haben den Handlungsbedarf erkannt und setzen sich mit der Problematik auseinander. Fragen der betrieblichen Fort- und Weiterbildung und der Gesundheitsförderung stehen dabei im Mittelpunkt.

  3. Die Umsetzung in der betrieblichen Praxis erfolgt dagegen bisher noch sehr zögernd.

Nach Einschätzung der Experten:

  • überwiegen in den Betrieben noch immer defizitorientierte Altersbilder

  • besteht bei der Mehrzahl der Betriebe noch kein ausreichendes Problembewusstsein

  • gibt es ein Informationsdefizit darüber, was nötig und was möglich ist (Betriebe sind mit der Komplexität der Problematik überfordert)

  • sind die wenigen bestehenden Maßnahmen noch immer stark personengebunden und nicht strukturell verankert, was die Nachhaltigkeit gefährdet

Daraus kann abgeleitet werden, dass dem Wissenstransfer in die betriebliche Praxis derzeit eine Schlüsselrolle zukommt. Das Projekt setzt genau hier an: der Theorie-Praxis-Bezug ist innovativ.

Dirk Steinbach: „Der Informationsaustausch mit der Praxis soll zum einen durch den Einsatz kommunikationsstarker Forschungsmethoden wie der Szenariotechnik, gelingen. Wir berücksichtigen dabei besonders die klein- und mittelbetriebliche Struktur Salzburgs. Wir wollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse so aufbereiten, dass wir die Betriebe damit motivieren, in ihrer Sprache ansprechen und sie einbeziehen, anstatt sie mit praxisfernen Theorien zu langweilen oder vor den Kopf stoßen!“

Zum anderen bestimmt die sehr enge Kooperation der FH-Wissenschafter mit dem AMD Salzburg - Zentrum für gesundes Arbeiten den nachhaltigen Erfolg des Projektes. „Wir nehmen in der Beratung der Salzburger Betriebe eine wichtige Brückenfunktion ein“, betont Thomas Diller, Geschäftsführer des AMD Salzburg.

AMD - Ein wichtiger Brückenkopf

Der AMD Salzburg beschäftigt sich im Auftrag seiner Träger, der Sozialpartner, schon seit einigen Jahren im betrieblichen Umfeld mit der Gestaltung einer „alternsgerechten“ Arbeitswelt. Dabei hat sich gezeigt, dass das Bewusstsein für die Chancen und Risiken aus dem demographischen Wandel in den Betrieben noch nicht sehr stark ausgeprägt ist. Der sich abzeichnende Mangel an Fachkräften lässt die Betriebe jedoch zunehmend aufmerksamer werden.

„Aus unserer Praxis wissen wir, dass Betriebe am besten über konkrete Erfahrungsberichte für ein Thema zu gewinnen sind“, berichtet Thomas Diller, Geschäftsführer des AMD Salzburg – Zentrum für gesundes Arbeiten. Um hier einen Beitrag zu leisten, werden im ersten Praxismodul des Projektes drei bis vier Salzburger Kleinbetriebe (entsprechend der betrieblichen Struktur im Bundesland Salzburg) bei ihrem Entwicklungsprozess hin zu einem „alternsgerechten“ Betrieb begleitet.

„Altern heißt Erfahrungen sammeln. Das Potenzial älterer Menschen ist ihr Wissens- und Erfahrungsschatz. Für einen Betrieb ist der Abgang eines älteren Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin ein schwerer Verlust, wenn dieses Wissen zuvor nicht an jüngere Kollegen transferiert werden konnte“, so Diller. Welche Modelle es hier gibt, wird im zweiten Praxismodul erhoben und den Betrieben zur Verfügung gestellt.

„Ältere Berufstätige werden andere nur dann an ihrem Wissen teilhaben lassen, wenn sie sich ausreichend wertgeschätzt fühlen und dabei keinen Nachteil für sich erkennen. Wir wissen aus unseren Befragungen, dass älteren Arbeitnehmenden die Anerkennung der Leistung, aber auch neue berufliche Herausforderungen besonders wichtig sind.

Deshalb wollen wir uns im dritten Modul mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, wie ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit besonderen Erfahrungen diese Kompetenzen im Übergang zum sowie im Nacherwerbsleben für sich und andere einbringen können“, schildert der AMD-Geschäftsführer.

Es ist geplant, in zwei bis drei Salzburger Gemeinden mit einer Gruppe von erfahrenen Älteren zu arbeiten. Neben dem Empowerment dieser Kompetenzträger sollen gemeinsam mit ihnen Möglichkeiten in ihrer Gemeinde ausgelotet werden, wo ihr Wissen und ihre Fähigkeiten für die Allgemeinheit, aber auch für die Betriebe genutzt werden können. Dadurch entsteht eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: die Gemeinde und die Betriebe gewinnen eine wichtige Ressource, und die erfahrenen Älteren bekommen Herausforderung und Anerkennung, ohne den Leistungsdruck der Erwerbsgesellschaft.

„Wir laden Betriebe und Gemeinden ein, die sich intensiv mit der alternsgerechten Arbeitswelt beschäftigen wollen, sich an uns zu wenden. Unsere Begleitungsarbeit wird für eine begrenzte Zahl von Betrieben/Gemeinden aus dem Projekt gefördert“, schließt Thomas Diller.

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