Brisante neue AK-Studie

Armutsgefährdung findet nicht mehr nur am Rande der Gesellschaft statt – sie ist mitten drinnen. Das zeigt eine Studie, die von Birgit Buchinger (Solution Sozialforschung) im Auftrag der AK Salzburg erstellt wurde und die nun, zu Beginn des EU-Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung, präsentiert wird. „Das Ergebnis ist bestürzend“, so der Befund von AK-Präsident Siegfried Pichler. „Nicht nur ungeschützte Arbeitsverhältnisse, sondern auch viele normale Arbeitsverhältnisse bringen den Beschäftigen nur Einkommen im Niedriglohnbereich.“

Mehr als die Hälfte der Beschäftigten – nämlich 52 Prozent - in Salzburg verdient weniger als 1.500 Euro brutto im Monat. Das sind 117.186 Personen, davon exakt zwei Drittel Frauen.

„Die Niedrigverdienenden sind in der Mitte der Gesellschaft und kein Randphänomen. Mehr als 40 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdienen so wenig, dass sie keine Steuern zahlen. Geringe Einkommen verteilen sich über unterschiedliche Gruppen von Beschäftigten – dazu zählen Geringfügige und freie Dienstnehmerinnen und Dienstnehmer, Praktikanten und Leiharbeiter, kurzfristige Minijobs, aber auch zunehmend Normalarbeitsverhältnisse – und sind überwiegend Frauensache“, fasst Pichler zusammen. „Mit dieser Entwicklung stehen wir nicht alleine da, sie ist in allen mitteleuropäischen Industriestaaten zu beobachten. Die Verteilung der Einkommen wird immer ungerechter“, so Pichler.

Die "Neue Mitte" ist überweigend weiblich

Der Niedriglohnsektor ist ein riesiges Auffangbecken für die Angebote und Bedürfnisse der Wirtschaft und des Arbeitsmarkts. In der mildesten Form geht es um kurzfristige Mehrfach-Aushilfsjobs zur Aufbesserung von Stipendien oder Pensionen. Oft sind prekäre Arbeitsverhältnisse für junge Menschen – vor allem männliche Arbeiter – der einzige Zugang zum Arbeitsmarkt.

Bei Frauen sieht das anders aus: „Ein Drittel der Niedrigverdienerinnen ist zwischen 36 und 45 Jahren alt, sie sind sowohl Arbeiterinnen als auch Angestellte“, erläutert Studienautorin Birgit Buchinger. „Das sind Wiedereinsteigerinnen, die klassischen Zuverdienerinnen in Teilzeitarbeit und es besteht hier die Vermutung, dass der Niedriglohnsektor keine Durchgangsphase darstellt, sonder die Beschäftigten Gefahr laufen, verfestigt arm zu werden.“ Auch wenn man von „Normalarbeitsbeziehungen“ ausgeht, verdienen fünf Mal so viele Frauen als Männer weniger als 1.500 Euro brutto im Monat. Zwei Drittel der niedrigverdienenden Frauen verteilen sich auf die Branchen Dienstleistung, Handel und Tourismus.

Stichprobenanalye: Blick auf die Lebensbedingungen

Im qualitativen Teil der Studie wurde eine repräsentative Stichprobe von 416 Personen aus den Niedrigverdienern gezogen und persönlich befragt – mit aufschlussreichen Ergebnissen.

Ein eher guter Bildungsgrad: Mehr als die Hälfte hat eine Lehre oder mittlere Schule absolviert, 16,3 Prozent der Männer und 19,1 Prozent der Frauen haben Matura, 14 Prozent der Männer und 9,4 Prozent der Frauen haben eine Uni absolviert.

  • 68 Prozent der Befragten leben in einer Partnerschaft, rund die Hälfte der Befragten lebt in einem Haushalt mit 3 bis 4 Personen.

  • 71,4 Prozent beziehen Transferleistungen wie etwa Familienbeihilfe, Karenz- bzw. Kindergeld, Arbeitslosengeld – diese Leistungen machen in rund 17 Prozent der Haushalte, in denen Betroffene leben, die Haupteinnahmensquelle aus.

  • 51 Prozent der Befragten leben in Haus-, 16 Prozent in Wohnungseigentum; Genossenschaftswohnungen spielen mit 6 Prozent nur in der Stadt Salzburg und im Tennengau eine Rolle. Die Wohnzufriedenheit ist – mit Ausnahme von Migranten und Migrantinnen – sehr hoch.

„Die befragten Niedrigverdiener kommen nur über die Runden, weil sie in soziale Systeme eingebunden sind“, erläutert AK-Sozialexpertin Cornelia Schmidjell. „Familien, Partner und Transferleistungen federn die geringen Einkommen ab.“

Die jüngst fertiggestellte Studie basiert auf Befragungen von Ende 2008, also noch vor der Krise. „Was zu befürchten ist, sind die Auswirkungen der Krise wie Jobverluste, Kurzarbeit und Anstieg der Arbeitslosigkeit, die rasch den oft recht fragilen Lebensstandard von Niedrigverdienenden und ihren Haushalten aus dem Gleichgewicht bringen können“, meint Pichler. „Wenn dazu noch private Ereignisse wie Trennung, Scheidung, Krankheit oder Schwangerschaften kommen, kann es für die Betroffenen rasch eng werden und ihre Existenz bedrohen“, so Pichler. „Das Bild, das die Studie zeigt, geht weitgehend von der klassischen Rollenverteilung aus. Krisensituationen können hier schnell zum Wegfall eines Teils der Sicherungssysteme führen.“

Schlussfolgerungen & Forderungen

In Salzburg befinden sich mehr als die Hälfte der Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsystem – das heißt, dass immer mehr Beschäftigte von der Prosperität und von Wachstumsgewinnen abgehängt werden. „Die Ungleichverteilung von Einkommen, Vermögen und gesellschaftlicher Macht wächst“, stellt Pichler fest. „Wenn die Niedrigverdienste zunehmen, fehlt der Wirtschaft die Konsumnachfrage und die Finanzierungsnöte der sozialen Sicherungssysteme wie Kranken- und Pensionsversicherung wachsen. Das Zurückdrängen des Niedriglohnsektors und forcierte Bildungspolitik führen zu Wachstum und verhindern Armut.“


Die AK fordert

  • Ausrichtung der Wirtschaftspolitik am Ziel der Verteilungsgerechtigkeit

  • eine gerechte Steuerreform und eine Wertschöpfungsabgabe

  • solidarische Lohnpolitik und forcierte Mindestlohnpolitik

  • Stärkung des öffentlichen Sektors mit dem Effekt der Schaffung „guter Arbeit“

  • Erhöhung der Beschäftigungschancen durch Ausbau der sozialen Infrastruktur

  • gerechtere Verteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit

  • Anpassung der Sozialleistungen an die „neuen Risiken“ und Verstärkung der grundsichernden Elemente – Arbeitslosengeld und Notstandshilfe anheben

    * Mindestsicherung auf existenzsicherndem Niveau und Verschränkung mit forcierter und qualitativ hochwertiger aktiver Arbeitsmarktpolitik
    * Schaffung eines einheitlichern ArbeitnehmerInnenbegriffs und Einbeziehung aller wirtschaftlich Abhängigen ins Arbeitsrecht
    * Maßnahmen, die soziale Vererbung von Bildungsdefiziten verhindern, wie etwa Ganztagsschule für alle 10- bis 14-Jährigen, Ausbau des Kinderbetreuungssektors, kostenloses Nachholen von Bildungsabschlüssen und Recht auf betriebliche Weiterbildung
    * Verwirklichung der Geschlechtergleichstellung auf dem Arbeitsmarkt und Bekämpfung der Einkommensschere durch diskriminierungsfreie Arbeitsbewertung.

Tagung "In der Mitte der Gesellschaft"

Mittwoch, 27. Jänner, im Tagungshotel Josef Brunauer.

9.30 Uhr: Beginn und Begrüßung durch AK-Vizepräsident Walter Androschin, anschließend Referat der Studienautorin Dr. Birgit Buchinger, Solution Sozialforschung

10.30 Uhr: Referat „Der Niedriglohnsektor in Österreich und europäische Entwicklungstendenzen“ von Dr. Hedwig Lutz, WIFO

13.00 Uhr: „Die soziale Lage von niedrigverdienenden Beschäftigten im Spiegel von Medien und Politik“. Mit: Thomas Berger, Gewerkschaft vida; Mag. Robert Bruggler, Sprecher der Salzburger Armutskonferenz; Mag. Daniela Diethör, Geschäftführerin Verein Frau und Arbeit; Mag. Hans Kreuzeder, Direktor Caritas Salzburg; Elisabeth Mayer, ORF-Redakteurin und Betriebsrätin

14.00 Uhr: „Wo sind die ‚Baustellen’’ in der Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Sozial-, Frauen- und Einkommenspolitik?“ Mit: DDR. Günter Haider, Direktor des Bundesinstitutes für Bildungsforschung; Dr. Hedwig Lutz, WIFO; Dr. Liane Pluntz, AK Frauenreferat; Mag. Cornelia Schmidjell, AK Sozialpolitik; Siegfried Steinlechner, Direktor AMS Salzburg.

15.00 Uhr: Podiumsdiskussion „Politische Lösungsstrategien“. Mit: Dr. Birgit Buchinger, Solution Sozialforschung; Walter Androschin, AK-Vizepräsident; Erika Scharer, Landesrätin für Soziales und Gesundheit; KommR Konrad Steindl, Spartenobmann Wirtschaftskammer Salzburg.

Studie: „In der Mitte der Gesellschaft“. Zur sozialen Lage und Armutsgefährdung von Niedrigverdienenden Beschäftigten im Bundesland Salzburg. Autorin: Dr. Birgit Buchinger, Solution – Sozialforschung & Entwicklung. Unter Mitarbeit von Markus Königstorfer und Katrin Pacher, Institut für Grundlagenforschung.

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